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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1840-11-14 · Heft 46 (14.11.1840) · p. Seite 659

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
4 (1840)
Issue
Heft 46 (14.11.1840)
Date
1840-11-14
Page
Seite 659 (sequence 11)
Language
German
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659 mindere Weitschweifigkeit hätte nichts geschadet, aber die Situation ist originell und tragisch, und die Spitze gediegen ausgedrückt. — „Der böhmische Dorfjude" von I. Kaufmann, ist ein treffliches Genrebild aus einer Gegend, die, meist unbekannt, der originellcn Verhaltnisse, die gerade den dortigen Juden am meisten umringen, viele besitzt. Der Vers, schildert sie treffend und lebhaft, obgleich er es nicht versieht, ein gerundetes Ganze daraus zu bilden. Seine Skizze hatte den schönsten Stoff zu einer Novelle gegeben. Eines ist die Frage, warum erscheint der wohlhabendere Jude in den neueren poetischen Stücken stets als der schlechtere? Es ist das eine Wuth, wie gegen Ende des vorigen Jahrhunderts alle Präsidenten, Geheimräthe, Kammcrjunker, in den bürgerlichen Schau- und Trauerspielen, des Teufels waren. Auch uns ist „der reichere Jude nicht der bessere," auch wir wissen das gesunde Herz unter der Hausirbürde zu schätzen; darum aber jeden, durch Fleiß und Anstrengung wohlhabend gewordenen Juden als lächerlich, verbildet, prätentiös ff. zu stempeln, ist wahrlich! des Unfuges zu viel. Mit Recht verbietet die Schrift auch, den Armen zu begünstigen im Urtheil. Unsere weinerlichen Poeten strecken die Arme zu oft nach dem armen Juden aus, der ihre Rührung schwerlich begreift. Es ist das auch eine Lüge. Der Vers, spricht in der Einleitung manches schön und tief Gefühlte über Emanzipation, was aber auch bisweilen in's Absonderliche streift. Unsere modernen Sittenmaler lieben und suchen das Letztere. — „Lebenslöne" von Earl Maien, fließend, aber wieder zu thräneuceich. — „Zwei ©eenen aus dem Leben" von Karl Beck. Namen thun es wahrlich nicht. Langst-Gesagtes in plumpster Form, Andeutung ohne Bedeutung. Es thut Einem leid, Karl Beck vor solchem Gewäsch als Autor stehen zu sehen. — „Das Opfer" von Earl Maien. Es ist Einem eigen zu Muthe bei diesem „Opfer." Wir erkennen den schönen, reinen Willen des Verfassers, wir fühlen, daß ein warmes und gehaltreiches Herz darin schlägt. Einzelnes ist köstlich gesagt. Nun ist aber Alles in ein foreirtes Gerede, in einen weitläufigen, nie endenden, Gedanken und Gefühle wieder ertränkenden Wortschwall gebracht, Personen und Zustände erliegen den Worten, wir wollen jene heraussischen, und versinken immer tiefer: es ist peinlich. Wir möchten cs lesen, wir halten es für unsre Pflicht, um das, was der Vers, will, und wie er es will, und vermögen es doch nicht. So wird dieses „Opfer" zum Opfer, und beide sind dabei — unvollständig. Will der Leser uns folgen, so Überschläge er das Ganze, außer S. 209 „Aphoristisches," dies ist ganz superb, wenn auch wieder zu sentimental übergossen. — „David Jsaac" von Dr. Heinrich Arndt. Gemüthlich-einfache Schilderung einer Woche aus dem Leben eines Breslauer Hausirers, seiner Mühsale, Bedrängnisse und Tugenden. Obwol in der Zusammenhäufung der Unannehmlichkeiten übertrieben, sind doch alle Züge der Wahrheit gemäß. Daß freilich dieser Stand allein von seinen guten und schweren Seiten genommen worden, lag im Zwecke. — Balladen und Lieder, von verschiedenem Werrhe, durch Alle ein schmerzlicher Grundton, der den Leser schier überwältigt. — Das letzte prosaische Stück ist „Briefe eines denkenden Kleinstädters" von S. Frankenberg. Es werden darin die socialen Verhältnisse der Juden, sowie die verschiedene Wirkung, welche die Entwickelung der Neuzeit auf die jüdischen Individualitäten gemacht und zu machen pflegt, des Breitecn und ganz speziell besprochen, Alles auf sehr vernünftige Weise, mit feiner Beobachtungsgabe, und auf erfreulichem Hintergründe. — Den Schluß bildet ein, theilweise historisch begründetes Gedicht „die beiden Kirchen" von Carl Rößler, edel gehalten und jeden Religionshaß beschwörend. — Fassen wir nun dieses Einzelne zusammen, so müssen wir freilich gestehen, daß keine einzige Piöce uns prägnant entgegentritt, keine einen bleibendem, immer leiendigen Werth besitzt, den wir der Dichtung doch mehr all allem Andern zukheilen mögen. Denn sie soll das Evige im Menschen, das immer Gleichanklingende und Geichdurchströmende, an daS Licht hervorlocken, um, unrbhangig von der umgebenden Gegenwart, immerfort desselben Zweck und dieselbe Wirkung zu haben. In dr ganzen Sammlung ist nichts kräftig Proüucirtes, ke» zusammenfassendes und hinaufrückendes Produkt, des durch sein wackeres Hervoctreten das andere, losere, uid nur die Passiverät des jüdischen Lebens zeichnende Biwerk zu einem vollen Bauwerk zusammenhalte. Hierais eben iff es gekommen, daß durch die ganze Sammling nur ein nachhaltiger Ton der Bitterkeit tönt, und 'ie vorwaltenden Trennungen zwischen Juden und Christen nicht ausgeglichen, sondern verstärkt werden. Es ist dies ein großer Mißgriff, denn wir sind, als die Minorität, nicht berufen und nicht berechtigt dazu. Machen vir die Rechte der Minorität geltend, so müssen wir nicht vergessen, daß auch die Majorität ihr Naturrecht hat, und wir von der Masse nicht verlangen können.

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