Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 4 (1840)
- Issue
- Heft 45 (7.11.1840)
- Date
- 1840-11-07
- Page
- Seite 646 (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
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Homiletik. Gedankenlese aus jüngst gehaltenen Vorträgen. Gewiß ist es, das Leben der Menschen in der Neuzeit ist schneller, flüchtiger geworden, denn es je gewesen, rascher fliegen die Stunden, Tage, Jahre vorüber. In dem einfachen Kreise unsrer Vorfahren, wo aus ruhigem, sicherm Geleise in längst gewohnter Art das Leben sich abspann, schlich die Zeit in gedehnteren Pulsen, in langsamerem Pendelschlag vorüber. Aber in jetziger Zeit ist Alles beweglich und bewegt geworden; jedes Einzelnen Leben ist von unsäglichen Interessen durchkreuzt, jeder Arm greift in die Ferne hinaus; Arbeit und Genuß drängen verschiedentlicher auf einander; jemehr Mittel erfunden werden, die Zeit zu verkürzen, desto kürzer wird sie; wer hat Zeit sich aufzuhalten? Ja, rrrn 1122 „wir verbringen unsere Jahre, wie einen Gedanken" (Ps. 90, 9) Und wenn der Mann Mosche da fortfährt -w ana liTnsö „die Zeit unsrer Jahre ist siebenzig Jahre" (Ps. 90, IO) wie Wenige von uns erreichen jetzt diese Zeit? Das Leben ist flüchtiger, kürzer geworden. Ein solcher hoher Ernst lagert sich heut' über meine Seele, und durchdringt alle Poren meines Geistes; einen solchen hohen Ernst in Euch hervorzurufen, m. Z., ist mein Bestreben, mein Wunsch. Wendet Euch nicht ab. Wenn der Ernst erst vom Altar des Herrn wiche, wohin sollt' er sich flüchten? wenn im Hause des Herrn erst nur Zerstreuung gesucht werden sollte, wo sollte man sich sammeln? Die Religion Jsrael's erstand, und löste den Menschen aus dem Dunkel, und lösete den Geist des Menschen aus den Banden des Staubes, und führte ihn hinauf zu Gott. Es war die Emanzipation des Geistes vom Fleische. Die Erkenntnis des einigen Gottes, und die Anbetung des einigen Gottes und die Furcht Gottes und die Liebe Gottes brachte diese Religion Jsrael's auf die Erde, und machte sie zu den eigentlichen Elementen des Lebens, und zeigte, daß der Staub Staub sei, aber der Mensch streben solle zu Gott hinaus! Alle Völker der Erde hatten gelebt im Leiblichen, und nur beschickt das Leibliche — aber die Religion Jsrael's machte den Geist Gottes durch das Wort Gottes zur Unterlage des ganzen menschlichen Daseins. Alle Völk'er der Erde hatten Gott vermenschlicht, aber die Religion Israels vergöttlichte den Menschen. Alle Völker der Erde hatten gesagt: Mensch ist Mensch, und die gnädigen Götter steigen hinunter zu den Menschen, aber die Religion Israels lehrte: der Mensch ist Odem Gottes und soll göttlich werden. Alles Thun des Menschen beruhe auf Gott, alles Sein des Menschen sei durchdrungen von Gott, alles Sinnen und Fühlen des Menschen gehe aus in Gott. Alle Denker unter den Menschen haben den Menschen gemacht zu einem selbstgenügsamen, selbstständigen Wesen. Sie haben die Lugend gesucht, weil sie Lugend sei, das Laster verboten, weil es Laster sei. Aber wo ist denn nun ein Satz, der nicht zweifelhaft, eine menschliche Lehre, die nicht umzustoßen wäre? Der Nachfolger stürzt den Vorgänger, um wieder gestürzt zu werden. Nichts ist gewiß, zuverlässig. — Alle Völker und Staaten der Menschen haben das Recht zum Gesetz gemacht, weil es der menschlichen Gesellschaft nützlich sei, weil diese ohne jenes nicht bestehen könne. Aber siehe da! Gesetz folgt auf Gesetz, das zweite hebt das erste auf, das dritte ändert das zweite. Und da ist kein Volk, wo nicht ein andres Recht, kein Staat, wo nicht ein andres Gesetz ist. Ist denn nicht Recht Recht, und kann es anders sein als Recht? Ja, fürwahr, das menschliche Recht ist allwege anders-, bald Recht bald Unrecht. Es ist Nichts gewiß. Nichts zuverlässig. Aber da tritt die Religion Israels auf, die sagt nicht: gut ist gut, weil es gut ist, Recht ist Recht, weil es der menschlichen Gesellschaft nützlich ist; sondern sie lehrt: gut ist gut, weil es der Wille Gottes ist, Recht ist Recht, weil es Gottes Absicht ist! Und wer kann nun daran zweifeln? Wo ist da eine Ungewißheit? wo ein Deuteln? Es müßte denn Gott selbst ein Zweifel sein. Es ist die Wahrheit selbsten. Die Reli-