Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 4 (1840)
- Issue
- Heft 45 (7.11.1840)
- Date
- 1840-11-07
- Page
- Seite 644 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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644 schüft noch bis zum heutigen Lage in ihrer Mitte keine Juden duldet, als würde sie durch solche Genossenschaft entweiht? Aber nicht nur da, wo es auf Erwerb, Betriebsamkeit und Gestaltung der bürgerlichen Verhältnisse ankömmt, hält man die Juden möglichst fern, auch bei geselligen Kreisen, bei Vereinen, die sich der Lust, dem heitern Genuß der Künste hingeben, wies und weist man die Theilnahme der Juden zurück. Wo sieht man christliche Familien sich an jüdische anschließen, oder auch nur deren bescheidenstes Entgegenkommen durch ssreundliche Annäherung erwiedern? Ich weiß, daß es überall rühmliche Ausnahmen giebt, und diese Klage trifft nicht Alle unter euch; aber die christliche Menge steht noch immer starr allem, was jüdisch heißt, gegenüber. Die Juden fühlen schmerzlich, daß ihr sie nur duldet, da ihr dem Gesetze gehorcht, daß ihr ihnen aber mit keiner freien Regung des Herzens entgegen kommt, daß ihr ihnen eure Liebe versagt und eure Achtung verweigert." — „Wie freuen sich dagegen eure Zeitungsschreiber und Journalisten, wenn sie irgend einen Betrug, einen schlauen Diebstahl, kurz irgend etwas Verwerfliches berichten können, das ein Jude begangen hat, oder woran ein Jude auch nur betheiligt ist; der Name Jude wird dann groß gedruckt, damit er nur ja nicht übersehen werde, damit ein neuer Beweis dastehe, wie schlecht die Juden, — versteht sich alle, — sind." Hieraus sucht nun der Vers, die Uebelstände zu erklären, die noch unter den Juden sich vvrfänden, und beklagt sich, daß man aus einigen Rohheiten der niedersten Klasse noch immer den Schluß ziehen will, daß die Juden zur völligen Gleichstellung nicht reif sei. Er erklärt unsere Wünsche nach gänzlicher Emanzipation, nicht aus den Vortheilen, die uns daraus erwachsen würden, da diese nur Wenige treffen würden, sondern daß damit die Regierung den letzten Rest des Mißtrauens, der auf uns ruht, vor den Augen des Volkes heben würde. Und hinwiederum meint er, die Regierung lasse sich abhalten, den Juden völlig zu emanzipiren, weil die christliche Masse in ihrer Abneigung gegen die Juden noch immer verharre. Jetzt kömmt der Vers, zu seiner Aufforderung für die Zukunft. Lassen wir ihn hier selbst sprechen. „Doch den Juden habe ich nichts zu sagen. Sie werden fortfahren an ihrer Bildung zu arbeiten, sic werden in ihrem Streben, sich in jeder Richtung des Geistes zu entwickeln, nicht «blassen, sie werden nicht aufhören, euch mit Liebe zu nahen. Euch aber, meine christlichen Brüder, habe ich die Bitte auszusprechen, die angebotene Liebe anzunehmen und zu erwiedern. Ich weiß wohl, daß man in der Welt, wo man den Trotz, die drohende Forderung als ein Zeichen von Mannheit und Kraft ehrt, die Bitte leicht auf Rechnung der Schwäche und der Dürftigkeit setzt. Um so männlicher und kräftiger mag es daher sein, diese Meinung der Welt über sich ergehen zu lassen, um das Rechte zu thun, und das Gute herbeizuführen, wenn es auf andere Weise nicht zu bewirken geht, denn alles läßt sich ertrotzen und erkämpfen, nur die Liebe nicht. Warum sollte man sich aber auch von einer falschen Schaam abhalten lassen, das zu erbitten, was ein Mensch vom andern nach einem göttlichen Gebot erwarten darf? Euch wie den Juden ist von Gott Nächstenliebe zur Pflicht gemacht, und der Jude ist euer Nächster, wie es jeder ist, der die menschliche Gestalt trägt. Auch darf, wer liebt, ohne Erröthen um Liebe bitten. Ich aber habe euch zwar von dem gesprochen, was die Juden erdulden mußten; aber deshalb blutet mein Herz nur in tiefem Schmerz, kein zehrender Groll zernagt es. So empfinden die Juden alle, und wollen gern eure Brüder sein, wenn ihr sie nur endlich wahrhaft als solche betrachten wollt." Der Verf. betrachtet nun näher, was in jetziger Zeit den Christen von den Juden scheiden sollte? Ehemals standen sich alle Glaubenselemente, die sich einander nicht aufnehmen konnten, feindlich gegenüber. Jetzt sei dies anders. Das Christenthum sei in sich zur Festigkeit und Ruhe gekommen. Das Judenthum habe auch viele Fortschritte gemacht, und beiden sei Vieles gemeinsam. In der Nichtannahme christlicher Glaubenslehren liege keine Feindseligkeit, und beide können ruhig neben einander bestehen. Die Christen sollten doch aber einmal ernstlich daran gehen, die Vorurtheile zu prüfen, die täglich wider die Juden aufgewärmt werden. „Aber blicket doch um euch, meine christlichen Brüder, wo nehmt ihr denn etwas wahr, was dem Bilde gleicht, das die Verläumdung von den Juden so gern entwirft? Wimmelt es denn so um euch von ränkevoller List, von Betrug, von Unrecht, von