Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 4 (1840)
- Issue
- Heft 45 (7.11.1840)
- Date
- 1840-11-07
- Page
- Seite 637 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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637 für die jüdisch-theologische Fakultät zurückdenken — nun, wer die Schuld trägt, der fühle es. Die gottesdienstliche Feier hat durchaus nicht befriedigt. Möchte man doch einmal den Gedanken aufgeben , daß man so ex abrupto eine wahrhafte Feier Hervorrufen könne, wo das ganze Jahr keine ist. Der Chor war durchaus unmusikalisch, und die Rede des Herrn Dr. Zunz war inhaltsreich, wie es sich von einer solchen Feder erwarten läßt, aber in ihrer ganzen Fassung und Vortragsweise keine gottesdienstliche. Und da ein solcher Synagogalakt noch gar keine Wurzel in der hiesigen Masse gefaßt hat. so blieb diese ziemlich unberührt davon. Es knüpft sich hieran eine ganze Reihe trauriger Gedanken. Berlin krankt in seinem jüdischen Lhcile an zwei Uebeln, an der Unbildung der unteren, an der Hyperbildung der oberen Klaffe, die erstere giebt sich so leicht dem Zelotismus hin, sobald sie einen Gegenstand dazu findet, die letztere,ist dem Jndifferentismus, der nichtigsten Hohlheit hingegeben. Beides kann nur wachsen, da keine Anstalt und Institution besteht, die zum Bessern vorbereite. Denken wir z. B. auf Religionsunterricht. Wo besteht hier eine Anstalt für geregelten, begeisterten und begeisternden Religionsunterricht? Kaum daß dann und wann eine „Frühstücks-Konfirmation" daran erinnert, daß ein solcher existiren könnte, daß ein Bedürfniß dafür vorhanden wäre. Selbst daß hier eine Anzahl jüdischer Geistlicher ohne strikte Funktion und aller Nuancen sich gesammelt hat, und von den Brosamen leben, wo eine reiche Tafel ausgeschlagen sein könnte, hindert mehr, als es nützt. Ich will die mancherlei Projekte, die bereits zu Tage gekommen sind, nicht besprechen. Sie sehen, ich berühre nicht die geringste Persönlichkeit. Denn was nütze dies? Und mit Vergnügen bemerkt man schon sehr lange, daß sich die Allg. Zeit, des Jud. möglichst davon frei hält, und ihre Tendenz immer mehr veredelt. Da glaubt man, es müsse ein Rabbine herbeigeschafft werden, und was für einen Begriff macht man sich von einem solchen und seiner Wirksamkeit! dort will man Rabbinat und Predigtamt trennen, jenes beim Alten lassen, zu diesem irgend eine kräftige Celebrität berufen. Lassen wir dies bei Seite. Ein Mann kann Berlin nichts nützen. Wie bald würde er erdrückt und abgenutzt. Nein, das einzige Heil läge darin, wenn der Gemeindevorstand sich bestimmen könnte, einen festen, sichern Weg sich vorzuzeichnen. Nicht in der Gemeinde, im Gemeindevorstand thut ein kräftiger, willens-, geistcs- und thatkräftiger Mann Noth. Anstatt sich immerfort mit den Armen und Greisen zu beschäftigen, und in deren Fürsorge allein Genüge zu finden, müßte sich der Vorstand die Frage vorlegen. Was wollen, was müssen wir für die religiöse Erhebung der Gemeinde thun? denn die Gemeinde ist ja kein Hospital, sie ist ein Religionskörper. Diese Frage muß diskutirt, und ihre Beantwortung festgestellt, und der vorgezeichnete Plan mit Energie nach und nach ausgeführt werden. Denn das ist ja auch ein Wahn, daß man alle die vorwaltenden Mißverhältnisse, und das lange Brachjahr mit einer Zauberruthe umwandeln könnte. Zuerst wäre wol die Befriedigung des religiösen Jugendunterrichts zu bedenken und zu realisiren. Dies ist der wichtigste und wirksamste Punkt. Eine, zwei, drei Anstalten müßten zu diesem Zwecke geschaffen werden, und bei der Behörde mit Kraftanstrengung darauf gearbeitet werden, daß dieselben (nicht mit Geld, sondern) in ihrer Wirksamkeit, Verpflichtung unterstützt werden. Bei einem Könige, wie wir ihn jetzt haben, wäre dies nicht schwer auszuwirken. Nur müßten dann die dazu creirten Lehrerstellen nicht wieder als Sinekuren angesehen, sondern die tüchtigsten Subjekte herangezogen werden. Nur müßte man diese Lehrerstellen nicht als untergeordnete, von geringer Bedeutung betrachten, sondern als die wichtigsten und hauptsächlichsten. In allen Gemeinden, wo ein besserer Zustand bezweckt oder erwirkt worden, hat er beim Religionsunterrichte angefangen. Dadurch wird eine breite Unterlage für die Zukunft geschaffen, die Jugend, von Parteicotterien unabhängig, religiös gebildet, und endlich bleibt es für die Eltern auch nicht unwirksam, da sie sich gewöhnen lernen, mit dem Judenthum auch den Begriff der Ordnung zu verbinden. Eine Schulkommission müßte energisch die stete Ausführung überwachen. Alsdann wäre die Creirung des Predigtamtes der zweite Schritt. Ein Prediger kann für eine Gemeinde von über 6000 Seelen nicht genügen. Und wäre er das fruchtbarste Talent, die Gewohnheit und das Ueberarbeiten nimmt den Reiz; zwei oder drei talentvolle, innerlich wie äußerlich