Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1840-10-31 · Heft 44 (31.10.1840) · p. Seite 626

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
4 (1840)
Issue
Heft 44 (31.10.1840)
Date
1840-10-31
Page
Seite 626 (sequence 6)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/3224737-3225119-3225164--03075-3312595
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

626 übereinstimmten. Die Andern, boshafter, als jene Phantasten, haben grade den verbissenen Groll eines nicht emanzipirten Juden geltend gemacht, um Börne's uneigennützige Liebe zur Freiheit zu verdächtigen, haben das Häßlichste, was man nur im Durchschnitt vom jüdischen Charakter zu behaupten pflegt, in das Gemüth Börne's, ob er gleich Christ geworden, zurückzuleiten gesucht und ihm jene Lieblosigkeit, jenen zersetzenden Verstand angedichtet, welchen man gern für das Erbtheil der Juden ausgiebt. Die Wahrheit ist aber die, daß allerdings die jüdische Abstammung auf Börne's Sinnes- und Denkweise von großem Einfluß war, daß ihm aber diese Abstammung noch um so mehr den Beruf gab, für die Freiheit Aller aus dem tiefsten Bedürfniß derselben zu wirken." „So wie die Lage der Juden in Deutschland war, und noch ist, muß es ein unseliges Gcfühl sein, unter ihnen geboren zu werden. Schon das Spiel des Kindes hat seine Grenze, denn was der christliche Knabe nicht durch sein eignes unschuldiges Herz zu hassen und zu verspotten lernt, lehrt ihn der Haß und der Spott seiner Eltern. Eingepfercht in häusliche Gewohnheiten, religiöse Sitten, für welche dem jüdischen Knaben das tiefe Verständniß abgeht, oder das er doch verliert, wenn die Bildung, die seinen Geist mit christlichen Stoffen schwängert, über ihn kömmt, ausgeschlossen von den Bahnen, welche christliche Gespielen und Schulfreunde für ihre Zukunft einschlagen, gefesselt an eine Gesellschaft, die in ihrer Abgeschiedenheit gar zu sehr in grelle Einseitigkeiten und wunderliche Richtungen verfällt, die der reifere Verstand bald durchschaut, ausgesetzt endlich den zahllosen Gehässigkeiten, welche sich die Christen im bürgerlichen Verkehre in der Gesellschaft, in lokalen Beziehungen gegen die Juden erlauben — o das muß tief in ein edleres Gemüth einschneiden und Wunden hinterlassen, die, da der Zustand der Juden sich immer noch nicht bessern will, nie vernarben können. Der jüdische Kaufmann zerstreut sich vielleicht durch den glücklichen Erfolg seines Gewerbes, aber der jüdische Gelehrte ist auf die traurigste Vereinsamung mit seinem Schmerze angewiesen. Hat er die Jugend mit den Nadelstichen für seinen Ehrgeiz hinter sich, so ist ihm nun die ganze Zukunft versperrt. Er hat die Früchte der Wissenschaft und Kunst brechen gelernt, so wie wir, aber er darf sie nicht genießen. Alle Voraussetzungen der Bildung sind bei ihm dieselben wie beim Christen, ja er kann durch wissenschaftliche Einsicht sogar vom Christenthum eine höhere Idee haben, als mancher christliche Gelehrte sie hat, und doch bleibt er ausgeschlossen von einer Wirksamkeit für das Allgemeine, und muß, beschränkt auf seine Glaubensgenossen, eine Bitterkeit nähren, die seinem versöhnlichen Herzen sonst vielleicht ganz fremd geblieben wäre. Aber Börne war noch unglücklicher als ein Jude, er war ein Jude in Frankfurt am Main! überall pflegt doch wenigstens die Bildung den Juden, für den Umgang in der Gesellschaft zu emanzipiren, in Berlin und Wien findet unter diesen Umständen kein Unterschied mehr zwischen den Bekennern beider Religionen Statt. Aber in Frankfurt ist die Schranke für das ganze Leben gezogen, denn selbst in Hamburg tritt die Großartigkeit des Weltverkehrs und der rein unternehmende Charakter des dortigen Handels immer wieder bindend zwischen zwei Bereiche, die in der- Gesellschaft sich allerdings auch dort wechselseitig ausschließen. In Frankfurt ist der Judenhaß bei den Christen eine aus den ältesten Zeiten überkommene Umgangstugend, eine Art fashionabler Sitte, von der sich weder der junge Elegant noch die junge Schöne ausschließt; selbst Bettina verräth in ihrem Briefwechsel, daß sie zum Judenhaß erzogen wurde. Der alte reichstädtische Uebermuth erprobte seine Kraft von jeher an der Hülflosigkeit der Juden, wofür nicht nur in Frankfurt Gemälde zeugen, die früher dort an öffentlichen Gebäuden die Unterdrückung der Schutzbürger versinnlichten, sondern.noch eine Menge von Sitten und Rechten, die, da sie gesetzlich nicht aufgehoben sind, jeder Christ gegen einen Juden in Anwendung bringen dürfte, wenn sie durch die fortschreitende Bildung der Zeit nicht in Vergessenheit gekommen wären. Zu Börne's Jugendzeit wurden noch die Juden um eine bestimmte Stunde der Nacht in ihrem traurigen Quartier, der von Spindler zum Schauplatz eines Romans gewählten Judengaffe, eingeschlossen, auf ihren Spaziergängen um den Wall durften sie nur den Fahrnicht den Fußweg betreten." — „Die vierzehn nur erlaubten jährlichen Ehen sind zwar der Aufklärung der Zeit gewichen; sogar einige der reichsten Banquiers sind in das christliche Casino

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.