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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1840-10-24 · Heft 43 (24.10.1840) · p. Seite 619

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
4 (1840)
Issue
Heft 43 (24.10.1840)
Date
1840-10-24
Page
Seite 619 (sequence 9)
Language
German
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619 Beobachter zu denken. Sie sind Zeichen, daß das bürgerliche Bewußtsein bereits tief in die Masse der Juden gedrungen ist, längst nicht mehr in oberflächlichen Wünschen besteht, sondern das wirkliche Dasein unsrer Glaubensgenossen ausfüllt. Die Redensart, daß wir den Völkern und Staaten, in denen wir leben, integrirend angehören und dennoch Juden an Glauben und Ritus bleiben, erweist sich eben nicht mehr als Redensart, sondern als Wirklichkeit. Ueberall daher, wo das Bürgerthum als solches faktisch erscheint, sind wir ebenfalls faktisch da, und die äußeren Manifestationen sind ganz in diesem Sinne gehalten; wo man uns als Bürger zurückdrängen will, drängen wir uns als solche vor, wo man uns ausschließen will, schließen wir uns selbsten ein. Wir wollen nicht mehr bloß geduldet sein, weil man nur das dulden kann, was eigentlich nicht dazu gehört, sondern wo wir stehen, wollen wir ganz und wesentlich bestehen, Hiermit hat aber das Judenthum die größte Krisis der Zeit überstanden, gegen die jene kleineren Krisen, wie Synagogenreform, so wichtig, ja nothwendig sie an und für sich ist, dennoch geringfügiger und sicherer Lösung erscheinen. Die große Aufgabe des Judenthums war und ist, aus der isolirten Stellung in eine allgemeine Weltstellung zu rücken. Hierbei waren zwei Klippen zu umschiffen, die eine: der Widerstand der Welt, die andere: der Widerstand des Judenthums. Jener wurzelte in dem Vorurtheile, daß die Juden keine Weltbürger und Staatsbürger sein könnten, dieser in dem Vorurtheile, daß das Judenthum unterginge, wenn es Etwas von jenen Bollwerken verlöre, die eine frühere Zeit nothwendig gefunden und nothwendig gemacht, wenn es etwas von den exklusiven Vorschriften aufgäbe, durch die eine materielle Zeit materielle Bande um den Juden schlingen wollte. Beide Vorurtheile sind und werden täglich entwaffnet, und ihnen die heuchlerische Larve abgerissen. Die Juden sind Bürger geworden, und das Judenthum ist geistiger geworden, und Alles befindet sich dabei wohl. Gerade die Staaten, in denen die Juden dem Gesetz und dem Geiste nach Bürger geworden, sind die blühendsten, und oft sind die Juden, die am meisten die Ideen des Judenthums umfaßt haben, die eifrigsten unh begeistertsten Juden. Die kleine Anzahl Juden, die bei diesem Uebergange drauf, d. h. davon gegangen, ist wirklich des Aufhebens nicht werth. Wenn dem aber also ist, und da es doch so klar ist, so haben wir nach zweien Seiten hin unsere Aufforderungen zu richten. Zunächst daß von Staatsseiten Alles gethan werden möge, den Bürgersinn und das Bürgersein der Juden so viel als möglich zu lohnen und zu fördern, und dies einfach dadurch, daß man die letzten Schritte der Gleichstellung gesetzlich thue. Alles Mißtrauen wird von Tage zu Tage ungerechter, und jedes Hinderniß von Tage zu Tage unglücklicher, unglückbringender und liebloser. Man erkenne endlich an, wie unsre Brust voll Liebe ist, Nichts aber verletzt diese mehr als der schele Blick des Mißtrauens. Der Vorwurf der Unreifheit ist so überreif geworden, daß er bereits ganz faul geworden. Man nimmt die Beweise, die unwillkürlichen Ergüsse unsres Bürgerthums so gern entgegen, so lege man ihnen endlich die Beweiskraft bei, und entscheide und urtheile nach ihnen. Von der andern Seite Ihr, meine Glaubensgenossen! Daß Ihr den Bürgersinn pflegen und wachsen lassen sollet, und die Blüthe zur Frucht bringen, es leuchtet Euch aus allen diesen Zeilen entgegen. Neben diesem ist aber auch der religiöse Sinn insonders zu wecken und wach zu halten. Ich meine den liefern religiösen Geist, der sich über das ganze Leben breitet, und es zu einem Leben in Gott heranbildet. Dies war der Zweck und ist der ganze Inhalt des Judenthums, ein breites wirkliches Leben mit dem Geiste Gottes zu überziehen und zu durchtranken. Das Judenthum ist viel zu sehr als äußere Erscheinung angesehen und behandelt worden, es muß zu einem innern Sein werden, das nicht bloß in der Form, sondern in allen Pulsschlägen des Lebens vorhanden ist. Je mehr daher die Form des Judenthums unter dem Wellenschlag der Neuzeit und nach dem Bedürfnisse des Bürgerthums sich abschleift, desto mehr wird es Bedingung seiner Existenz, sich als geistiges Wesen durch unfern Bestand zu ziehen. Nur dann können wir das Judenthum im Bürgerthum, oder das Bürgerthum am Judenthum freudig begrüßen! Denn am wenigsten kann es uns einfallen, die wir'viele Jahrhunderte um das Juden-, thum die Bürde der bürgerlichen Verstoßung getra.

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