Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 4 (1840)
- Issue
- Heft 43 (24.10.1840)
- Date
- 1840-10-24
- Page
- Seite 616 (sequence 6)
- Language
- German
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616 durst außer dem religiösen Gebiete in den finstern Judenviertet Raum gefunden? Da schwang eine höhere Hand die Fackel der Zerstörung über die Stadt, und sie war es, welche zuerst die Dämmerung eines neuen Tages über den Geist der hiesigen Zudenschaft heraufführte. Ein furchtbarer Brand zerstörte 1803 den größten Theil des Judenceviers, so daß kaum mehr als eine einzige Häuserreihe in der Judenstraße, 20 Hauser etwa mit Einschluß des Rabbinenfitzes und der beiden Hauptsynagogen, verschont blieb. Dies Centrum der Judenstadt blieb gewissermaßen als Stütze des jüdischen Lebens in seinem altehrwürdigen Baue unverletzt, während alle Ausläufe derselben in Asche und Schutt lagen. Die preußische Regierung benutzte diese Gelegenheit, zu einer allmählichen Annäherung ihrer jüdischen und christlichen Unterthanen. Sie wies den Abgebrannten zerstreute Bauplätze in Mitten des christlichen Stadttheils an, gestattete dm Juden sich in christliche Hauser einzumiethen, und hob durch KabinelSordre das ganze Judenviertel auf. Von nun ab athmeten Christ und Jude dieselbe Luft; der tägliche Verkehr brachte sie einander naher, und allmälig schloß sich selbst der jüdisch-deutsche Jargon an, der durch die preußische Herrschaft mehr in Schwung gebrachten deutschen Sprache zu einem reinem Idiome ab. Während diese Zustande besonders bei den niedern Handel treibenden Klassen der Juden Wurzel faßten, übte auf die höhere, talmudisch gebildete ein anderes Moment einen mächtigen Einfluß aus. Das Anfangs so verpönte Streben Mendelssohns und seiner Freunde Dubno, Wessely, Euchet, Friedländer, fand nach Aushebung der christlichen Thorsperre auch in der inncrn Judenftadt bei den jungem Talmudisten, deren Zahl an dem hiesigen Radbinensitze zu jener Zeit sehr groß war, eine gastlichere Aufnahme. Die mendelssohnsche Uebersetzuna des Pentateuchs und der Psalmen, die hebräischen Scholien seiner Freunde erwarben sich heimliche Anerkennung. Man gewann durch sie und den Meassef eine Vorliebe für die lange Zeit vernachlässigte hebräische Sprache und deren! grammatische Exegese, und lernte so fast unbewußt eine! neue Seite des Judenthums kennen, welche, obwol des-; sen ursprüngliches Fundament, durch den Ueberbau des | rabbinischen Systems mehr und mehr in den Boden; versenkt worden war. Der lernbegierige Sinn Einzelner! ging von diesen Studien allmalig zur genauem Erter-! nung der deutschen Sprache über, die bei ihrer alten - Blutsverwandschaft, mit dem zum Theil ausgearteten,; zum Theil absoluten jüdischen Idiom keine allzugroßen Schwierigkeiten darbot. Zwar setzten die alten Tatmudisten alle Strafen des Jenseits auf eine so gefährliche Neuerung, aber das Verbot reizte zum Genuß. Auch waren die Gegenstände der Lektüre anfänglich höchst unschuldig; philosophische Materien, für welche der im Talmud genährte Geist besonders empfänglich war, außer den Nationalwerken Mendelssohns, die Schriften Lessings, Engels, Garves u. s. w. Bald aber bemeisterre sich dieser Neologen eine, gegen die unerbittlich strenge Zucht der rabbinischen Lehre gerichtete, freidenkerisch satyrische Richtung, welche durch heimliche Contraversen über die Zeitgemaßheit, Wahrheit, logische Cousequenz det rituellen Vorschriften gepflegt wurde. Mit Gier wurden Fragmente aus den Schriften Voltairs, Friedrich des Großen, Rousseaus und der französischen Encyclopadisten gelesen , die kosmopolitischen Lehren der Philanthropien aufgegriffen, aus Dohms, Grattenauers und anderer Schriften für und gegen die Gleichstellung der Juden, die ersten Wünsche der Emancipation geschöpft. Dessau, der Geburtsort Mendelssohns, die Schule des Philan-! thropinismus, das Asyl der jüdischen Aufklärung, war! so zu sagen ein Bethlehem für die polnischen Juden.— i Obwol alle diese Einflüsse auf die neologische Bildung der hiesigen Juden (hatsachlich wirkten, so kann doch nicht verschwiegen bleiben, daß ihr erster Effekt bis! zur Invasion der Franzosen noch ganz unbemerkt blieb! und nur eine kleine Hetarie betraf. Selbst die bessern! Köpfe wurden von den neuen Einflüssen nur in einzel-! nen Punkten ihres Geistes berührt; nur Saatkörner der! humanen Ansicht, abgerissenen Ideen der freisinnigen j Denkweise, lockerten hier und dort den seit Jahrhunderten erstarrten Boden auf. Bei Keinem aber war von einer geregelten Bildung, von einem bewußten Streben, oder gar von einer systematischen Opposition im strengem Sinne die Rede." „Ich habe oben beiläufig erwähnt,-daß die preußische Regierung, kurz nach der Occuparion der Provinz, den Radbinen ihre Jurisdiction in Ritual- und Krrchendisciplinsachen nahm und jede Synagogencenfur aufhob. Die Gesetzstelle, durch welche dm chierländrschen Juden diese Befreiung vom Gewissenszwang vindicirt wurde, befindet sich in dem am 17. April 1797, kurz vor dem Hintritte König Friedrich Wilhelm des Zweiten, erlassenen General-Juden-Reglement für Süd- und Neuostpreußen (s. Ehr. Ludw. Paatzow, Handb. für praktische Rechrsgelehrte, 3. Bo. Berlin 1803). In den §. 3, 4, 5, Cap. IV. (von der Religions- und Ritual «Ver-