Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 4 (1840)
- Issue
- Heft 41 (10.10.1840)
- Date
- 1840-10-10
- Page
- Seite 594 (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
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594 Statt findenden Konvenienz - Heirathen und durch die überdieß gänzlich vernachlässigte Bildung des weiblichen Geschlechts (zumal in den kleineren Oettern) erzeugt und unterhalten wird. Denn es werden entweder Jünglinge von größern Städten, wo das Licht eines bessern Bewußtseins bereits aufgegangen ist, nach kleinern Oettern, wo es noch bei weitem mittelalterlicher aussiehet, verheirathet, wodurch also der geistige Widerspruch schon von Hause aus gegeben ist, oder in dem Falle, wo das junge Ehepaar an einem Orte geboren und unter gleichen Verhältnissen großgezogen, so findet dennoch der Jüngling, der als Kaufmann bald die große Welt zu sehen bekömmt, bov gre mal gre Gelegenheit genug, um vom Dasein eines neuen Zeitgeistes zu erfahren, und vom Bestreben, ihn in sich aufzunehmen, angeregt zu werden, hingegen bleibt das weibliche Geschlecht vermöge seiner dasigen isolirten Stellung, zum männlichen überhaupt, mehr auf sich selbst verwiesen, und so wird manche junge Tochter zu einer unverbesserten zweiten Ausgabe ihrer alten vorurtheilövollen Mutter von einem frühem Jahrhundert. Nun erst tritt in diesem Falle der gewaltige Widerspruch in dem Jdeenkceise beider, früher so homogenen, Ehehalsten deutlich hervor; immer aber tragt das Weib den Sieg davon, wo es sich um die Erziehung der Kinder und die Leitung des Hauswesens handelt. — Ich bin überzeugt, daß der erste Schritt zu einer durchgreifenden, dauernden und allgemein verbreiteten Heranbildung des polnischen Judenthums, nur mit einer regelrechten Bildung des schönen Geschlechts, oder mit andern, mit gut organisirten Mädchenschulen, anfangen muß. — Die Frau ist und bleibt ja die erste und nächste Erzieherin ihrer Kinder. Der Mann ist Kaufmann, immer beschäftigt, und meistentheils auf Reisen. Er mag den besten Erziehungsmaximen huldigen, so bleiben sie doch ohne den mindesten praktischen Einfluß auf die Erziehung seiner Kinder, wenn seine Frau von abergläubischen Vorstellungen inpräguirt, dem chassidischen Wunderglauben und Obskurantismus ergeben, oder sonst wie von bocnirten Lebensansi'chten ist. — Ich kenne viele Hauser in Galizien, wo die Hausvater mit Recht zu den wahrhaft erleuchtesten gezählt zu werden verdienen (die freilich ihre Bildung aus sich selbst errungen und sie sich selbst zu verdanken haben), die eine richtige Weltanschauung besitzen und das Beoürfniß einer zeitgemäßen Erziehung ihrer Kinder fühlen, und doch werden ihre Sprösslinge in dem alten Schlendrian großgezogen, und zwar bloß deswegen, weil ihre Frauen, — die umherwandelnden Schatten 'früherer zu Grabe gegangener Jahrhunderte, von jeder andern Erziehung, die ihnen irreligiös und antiisraelirisch dünkt, nichts wissen wollen, und — was ist mächtiger als ein Weib? — ihren Willen auch durchsetzen. — O Ihr Freunde achter Bildung, Ihr Beförderer des wahren Fortschritts und einer dauernden fruchtreichen geistigen Regeneration des polnischen Judenthums, beherziget dies wol! denn in jedem Jünglinge bildet ihr zunächst nur ein Individuum, in jedem Mädchen aber eine ganze Generation! Corr. C o r r e s p o u d e n z e n. Aus Aachen. Ueber das Taubstummen-Institut des Herrn David Hirsch. (Schluß.). Gern werden wir nun Hirsch-Z eigenthümlichen Metbodengang, der sich mit der Zeit durch praktischen Unterricht ausgeprägt hat,, naher besprechen, wenn wir nicht der Uederzeugung waren, daß derselbe besser im Lehrwesen selbst wahrgenommen, als beschrieben werden kann. Vielleicht veröffentlicht Herr Hirsch selbst Etwas über diesen Gegenstand. Als Resultat legen wir einen Kurzen Umriß von dem, was von der Gründung der Anstalt an bis jetzt — also vom April 1838 bis Ende December I&39 — geleistet ist, dem geneigten Leser vor: Israelitischer Religionsunterricht: Entwickelung der Elemente der Glaubens- und Pfljchtenlehve. (Die christlichen Zöglinge erhalten bei ihren betreffenden Geistlichen Religionsunterricht.) Biblische Geschichte: Ein großer Theil des ersten Buches Mosis ist catechetisch gelehrt; die Taubstummen sind im Stande, die einzelnen Begebenheiten, Vollsinnigen gleich, geläufig und deutlich in gebundener Redeweise zu erzählen. Hebräisch- und Deutsch-Lesen: In erstaunenswerther Zeitkürze von 2 Monaten zur Geläufigkeit gelangt; Uebersetzen der wichtigsten Segnungen (m^n). Deutsche Sprache: Einfache wie 'zusammengesetzte Sätze werden regelrecht gesprochen und niedergeschrieben. Tafel- und Kopfrechnen: Die 4 Species und die einfache Regel-de- Tri.