Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 4 (1840)
- Issue
- Heft 41 (10.10.1840)
- Date
- 1840-10-10
- Page
- Seite 593 (sequence 13)
- Language
- German
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393 was jedoch seltener ist — im chassidischen Zirkel einige lakonische Elogen spendet (wie z. B. „unser Rabbi N. ist ein ‘-tod ans*," oder „hat eine große nawb u. d. g., der steigt bei der chassidischen Gemeinde in höhere Achtung, und er seinerseits fängt bald an, in seiner Behausung am Sabbat Tischgesellschaften, zumal den s. g. rn“n?o 'i zu veranstalten. Die Menge strömt herbei zum Theil zu genießen, zum Theil Tora zu hören. Einige unfruchtbare chassidische Weiber kommen auch schon, um sich Leibesfrucht zu erbeten. Einige gelungene Wunder werden nacherzählt; alles wird verhundertfacht ausposaunt, und bald — siehe da — ein neuer Zadik hat sich hervorgethan („hat sich ribsn» gewesen" in chassidischer Sprache). Nun kommt noch die Anerkennung des alten Zadik hinzu (eine Art Nachbildung der T>3vzo der alten Rabbinen) mit der Permissiv«, am Sabbat einen weißen Kaftan zu tragen. *) Doch können neue Zadikim gewöhnlich erst nach dem Tode ihres Stamm-Zadik's als selbstständige Rebi's austrelen, und jeder erhalt dann — wie die Generale Alexander des Großen — einen Theil der verwaiset'en Menge. — Der Unterhalt des Zadik. — Jeder Zadik wird von seinen Chassidim Unterhalten durch Geschenke, Pidjonos und Remunerationen aller Art, denn hier gilt es strenge „man solle nicht leer vor meinem Angesichte erscheinen." — Jeder Nebdi hat daher einen Leibadjutanten (den sogenannten der als ein unerbittlicher.Cerberus die Pforten des rebbischen Audienzzimmers bewacht. Der armeChassid, der ihm leere Hände zeigt, darf die Schwelle nicht betreten; nur die Vornehmeren in Seide gehüllten und mit schweren Beuteln Beladenen werden zum Rebbi vorgelassen; nachdem sie ihn — den Gabbe — für das Entree geziemend befriediget hatten; hauptsächlich sind es die Weiber (zumal die Pächterfrauen von den Dörfern, die s. g. reiche Rindarkis), die von Nahe und Fern schaarenweise mit schwerem Herzen und noch schwererem Beutel zum Rebbi hin- *) Ein Zeichen des Zadik, als Remes n? baa ö^ab “pnaa TW, und welcher Chassid es waget, von selbst -(ab •nsa anzulegen, der wird schimpflich ausgestoßen, wenn nicht noch obendrein thatlich gemißhandelt.— Corr. strömen, wo dieser und sein Gabe ihre beste Rechnung finden. Denn dieses Volk umlagert stets das rebbische Haus, und nichts ist einem solchen Weibe zu theuer, um nur zuerst vor dem Rebbi zu erscheinen, ihr wundes Herz (was gewöhnlich aus Unfruchtbarkeit, häuslichem Zwist oder Nahrungssorgen herrühret) vor ihm auszuschütten und von seinem heiligen Munde auf alle ihre Wünsche sein vielvermögendes „Ja" zu erbalten und unter seinen aufgelegten Händen den „Segen des Himmels" (p naia a->»wn) auf ihren Scheitel sich lagernd zu fühlen. — Hieher gehören jedoch nicht nur die Weiber der Chassidim, sondern, jedes ungebildete abergläubische Weib — und deren giebt es dort leider eine Unzahl — sie mag einen Nicht-Chassid, ja selbst einen sogenannten Modernisirten zum Ehegatten haben, der es bei all seiner bessern Ueberzeugung, es jedoch seiner geliebten Ehehälfte nicht abzuschlagen wagt, ihr von Unfruchtbarkeit oder Kinderverluste niedergebeugtes Herz bei'm Rebbe wieder aufzurichten. Bei letzterer Klasse unterläßt nicht der Rebbi seinerseits die gläubige Frau vor dem Unglauben ihres Gatten zu warnen, ermahnt sie, doch ja um sein gefährdetes Seelenheil besorgt zu sein, und ihn durch ihre zärtliche Liebe der frommen Gemeinde zuzuführen; allenfalls aber die Erziehung ihrer Kinder ja nicht nach moderner, ketzerischer Weise (wie z. B. der Bibelunterricht mit Biur und hochdeutscher Uebersetzung, oder gar ein Elementarunterricht in der deutschen Sprache, selbst das Studium der neu-hebraischen (Berlinischen) Literatur, u. s. w.) für welche die tiefste Hölle (n'-.nna bikrw) offen stehet; sondern nach ächt chassidischen Prinzipien zu leiten; — ja ein solches frömmelndes Weib bittet manchmal selbst den Rebbi, daß er durch sein allvermögendes Gebet das Herz ihres dissidirenden Gatten zum Guten bekehren, und von den Klauen des Teufels erretten möge. *) (Fortsetzung folgt.) *) Der Grund dieses sonderbaren Phänomens ist kein anderer, als der kräftige Gährungsproceß des geistigen Lebens, der jetzt das polnische (zumal das galizische) Judenthum ducchdringt, wo die Extreme selbst innerhalb der engsten Familienkreise, in ununterbrochener Spannung begriffen sind, waS durch die daselbst noch immer