Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1840-10-10 · Heft 41 (10.10.1840) · p. Seite 589

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
4 (1840)
Issue
Heft 41 (10.10.1840)
Date
1840-10-10
Page
Seite 589 (sequence 9)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
92% known words query
IRI
…/3224737-3225119-3225161--03037-3312554
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

589 desto tiefere Weisheiten liegen darunter verborgen (nms «bw), und die unerschöpflichen Geheimnisse der Schöpfung sind in jeder Silbe aufbewahrt; ja die Bornirtern versichern, der Zadik habe die Tora während obbenannter Geistesabstraktion von den Engeln und alle himmlischen Heiligen (ö’rsus epdptd w-.ipn ni'tn) vom Munde zu Munde empfangen *). — Dieses hoher potenzirte, geistig intensivere Leben am Sabbat, nennt der Chassid eine Vermehrung des Geistes (Nllvo rnavin); und dieses veranlaßt den Mindergebildeten sich vorzustellen als bekäme er jeden Sonnabend (tnit nais nbap) einen Zuschuß, gewissermaßen eine Reserve-Portion Seele (N»W iTTTP). Von den Festtagen (fcpb:n tabö) ist zu berichten, daß sie die Chassidim recht vergnügt und heiter, unter Gesängen beim schäumenden Kelch verleben. Der Chassid vergißt, wörtlich, am Festtagewas vor demselben da gewesen, und was nach ihm kommen wird. Aus seinem Gedächtnisse ist Vergangenheit und Zukunft gänzlich geschwunden, und eine breite, reiche, Genuß als Lebenszweck betrachtende Gegenwart erfüllt seine ganze Seele. — Welcher glücklicher Augenblick, zu genießen und im Genüsse nicht den Stachel des Gewissens sondern vielmehr das Bewußtsein einer dadurch erlangten Frömmigkeit (nwö ms») und Gottgefälligkeit zu empfinden!—.— Einen merkwürdigen Gegensatz finden wir zwischen dem Neujahrsfeste und dem Versöhnungstag. Denn gewiß gab es noch nie einen so furchtbaren Terrorismus als Derjenige ist, den der Chassid an das Ruder des Weltregiments an den beiden Neujahrstagen einsetzt; (es ist ein: iO“? wm ernr'ill, ann-p pr;> dwbs b? Nttina), hingegen keine größere Milde und erbarmungsvvllere Vaterliebe, als diejenige, die er im Versöhnungstage von Gott gewärtiget. — *) Diese mittelbare — durch Engel und Geister stattfindende — Kommunikation der Gottheit mit dem Menschen nennen sie Pnipn rm und unterscheiden cs von nrrirtt, die sie in eine unmittelbare Kommunikation Gottes mit chem Menschen sehen, welche letztere sie ihren Zadikim doch nicht zuzuschreiben wagen, weil der Ausspruch-, des Talmuds , irnpn n"a a'irnis Sr» ber-iupN Ndri2d NpOv sie daran verhindert. Corr. In der That ist es interessant zu sehen, wie zuerst der Talmud, und später noch ausführlicher die Kabbala eine theologische Vorstellung in das mosaische Judenthum eingeführt hat, wodurch ein großes Problem der philosophischen Dogmatik aller Zeiten, nämlich die unzulässige und doch andererseits nothwendige Vereinigung der unendlichen Güte (nvn) mit der unendlichen Gerechtigkeit (p) in Gott gelöset wird; freilich auf eine Weise, die eine tiefere Philosophie — die sich die Gottheit über alles Zeitliche erhaben denkt, — nicht genehmigen kann. Es ist Jnfluirung der Zeit auf die göttliche Weltregierung"). So wurden jene beiden in ihrer Vereinigung sich aufhebenden Attribute Gottes bloß durch die Zeit auseinandergehalten, indem ein Zeitpunkt für die Prädomination der unendlichen Gerechtigkeit, und ein anderer für die unendliche Güte bestimmt wurde. In den beiden Festen, in denen bekanntlich — nach talmudischer Ansicht — das Schicksal der Menschheit zunächst des Judenthums für das kommende Jahr von Gott bestimmt werden soll, wo also die unendliche Gerechtigkeit und die unendliche Güte eines göttlichen Richters und Vaters gleichzeitig in ihrem strengsten Gegensätze auftraten, da mußte auch der Begriff der zeitlichen Differenz zur Hebung dieses gewaltigen Widerspruches sogleich einschreitcn, und in seiner ganzen Schärfe durchgeführt werden.— Es wurde daher das — jährliche Weltgericht gewissermaßen, in Zwei Tagsatzungen angeordnet, in der einen — der ersten rh — herrschte die unendliche Gerechtigkeit, es ist der Tag des unerbittlichen strengen Gerichts (pa p ^pn öt), in der zweiten (d"-p), die unendliche Milde, Güte, Gnade und Erbarmung, arn ■pan rtfc ransn ■'bi,ab nwbvp— Die Kabbala, der *) Die hohe Bedeutung der Zeit als ein Objektives, Unerschaffenes und Göttliches, findet man sowol bei den Talmudistcn als bei den Philosophen des Alterthums z.B. j im Midrasch (abw rw'ia ötip k°pn ö^ht -ns)! und im Badraschi s,22Ndi pLw -midt Nrr? j wrpnK awin sb •'!■»« p» rriti pn), im Gegen- | satze zu unserer jetzigen Erklärung der Zeit als Kategorie i unserer subjektiven Denkorganifation. — Corr. | **) Die Popularität und noch mehr die konsequente i durchgeführte Analogie des himmlischen mit dem welt- 41 *

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.