Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 4 (1840)
- Issue
- Heft 41 (10.10.1840)
- Date
- 1840-10-10
- Page
- Seite 586 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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586 schcrstechen; die Harmoniegesellschast giebt freie Concerte, die Museen und öffentlichen Sammlungen stehen alle dem Publikum offen, die großen Tableaux in St. Guldula sind ausgehängt, die Häuser mit grünen Zweigen geschmückt, die Straßen mit Landvolk und Fremden gefüllt; in der That, es ist, als ob die Stadt ihr Wiegenfest feierte. Aber durch alle diese fröhlichen Haufen, durch die Gebete wie durch den Jubel dieser festlichen Stadt, tönt ein Schrei des Wehs, ein Ton der Klage, der Anklage. Denn diese Freuden wachsen» aus dem Boden der Barbarei, diese' friedlichen grünen Zweige feiern die Erinnerung an fanatisch vergossenes Blut, diese fromme Prozessionen mahnen an jene Indianer, welche die Leichen der geopferten Feinde in religiösem Reigen umtanzen. Die gründe kermesse, wozu sich Brüssel schmückt und Wochenlange vorbereitet, feiert kein anderes Ereiguiß, als das von tausend Menschenopfern. Die Geschichte ist kurz. Ein Jude hat eine Hostie gestohlen, soll eine Hostie gestohlen haben, und die ganze Judenschaft von Brabant besteigt den Scheiterhaufen, Mütter, Kinder und Greise. Dieses schöne und fröhliche Ereigniß feiert noch nach Verlauf von vierhundert Jahren die gute Stadt Brüssel, die einen König verjagte, weil er die Geschwornengerichte, den freien Unterricht und die allgemeine Religionsfreiheit nicht gestatten wollte, und Eisenbahnen und Dampfwagen führen das Landvolk der Hauptstadt zu, um Thcil an diesem Feste zu nehmen; die raffinirte Civilisation des neunzehnten Jahrhunderts bietet ihre Maschinen dar, um die Barbarei des vierzehnten im Triumphe einherzuführen. Wer ein Feuerwerk gesehen, der hat alle andern gesehen, und wer die Geschichte einer Judenverfolgung gelesen, der hat alle gelesen. Das berühmte Juden-Autodasö in Brüssel sieht dem neulichen in Damaskus wie ein Haar dem andern ähnlich. Aus der Catharinen- Kapelle ist ein Ciborium mit geweihten Hostien auf eben so unbegreifliche Weise verschwunden als in neuester Zeit der Pater Thomas. Die Juden traf der Verdacht. Wirklich, eines Tags kam zu dem Pfarrer der Catharinenkirche ein altes Weib, welches das Gefäß mit den Hostien brachte und erklärte, sie habe es von den Juden empfangen, welche es ihr gegeben, um es zu ihren Glaubensbrüdern nach Cvln zu bringen. Dieses Weib hieß Eatharine uud war eine Jüdin, die, nachdem sie wegen schlechten Lebenswandels aus der Gemeinde verjagt worden, in den Schoos der Alles versöhnenden Kirche gegangen war. Auf die Aussage dieses Weibes wurden alle Juden sogleich in den Kerker geworfen, damit keiner entfliehen könne. Ein feierliches Gericht wurde nicdergesetzt, und Eatharine sagte vor demselben aus: sie habe selbst gesehen, wie die Juden in einer großen Versammlung die Hostien mit Stöcken geschlagen und mit Messern durchbohrt. Aber in diesem Augenblicke sei ein grwßer Blutstrvm hervorgedrungen, der alle Anwesenden bedeckt, woraus sie entsetzt auseinander gegangen, und da sie nicht wußten, wie sie sich nun der Hostien entledigen sollten, so haben sie selbe ihr übergeben, und ihr eine große Summe versprochen, wenn sie das Ciborium nach Eöln zu den dortigen Juden brächte. Hierauf wurden die Juden sämmtlich auf die Folter geführt, worauf einer von ihnen den Segen der Taufe verlangte und die christliche Religion annahm. Dieser bestätigte sogleich die Aussage der Catharina, er drang darauf, daß man alle Juden, die, merkwürdig genug, inmitten der größten Qualen starben, ohne einzugestehen, sogleich verbrennen möge; ,,denn," sagte er, und die Chronik hat diese Worte aufbewahrt, „warum ertragen diese häßlichen Menschen die Qualen der Tortur? Weil sie wohl wissen, welch Ungeheuern Verbrechens sie sich schuldig gemacht!" Diese Worte überzeugten den Herzog Wenzeslaw (Bruder des frommen Kaisers Karl IV.), der damals Burgund regierte, und er befahl, daß man alle Juden durch die Hauptstraßen der Stadt führen, und mit glühenden Zangen zwicken, hierauf aber vor der Porte de Hall sie an Pfosten binden und bei lebendigem Leibe verbrennen solle. Dieses geschah denn auch, wie die Chronik sagt, „zum großen Heile der christlichen Kirche am zweiundzwanzigsten Mai des Jahres eintausenddreihundertundsiebenzig nach der Geburt unseres Herrn." Noch vor wenigen Jahren zeigte man dem ,Volke die Blutstropfen, die ununterbrochen aus der Hostie quollen. Aber so allmächtig und unaufhaltsam ist der Schritt der Zeit, daß in der Mitte dieses Volks, welches an diese Blutstropfen glaubt, und Freuden-