Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 4 (1840)
- Issue
- Heft 40 (3.10.1840)
- Date
- 1840-10-03
- Page
- Seite 579 (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
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879 Während des Likun werden verschiedene Angelegenheiten besprochen, z. B. was hohen Orts — d. h. beim Zadik — gegenwärtig vorgehe? Die vom Zadik zurückgekehrten Chaffidim treten vor und erzählen merkwürdige, außerordentliche Neuigkeiten yw trumm), die sie da gehört, und die großen Wunderwerke (ö-'Vns die der Zadik vor ihren Augen vollsührt hatte; so wie die große Lora, die sie von seinem heiligen Munde (w'npn i>Lu) gehört haben; welcher von ihnen zur Reise zum Zadik sich anschickt, wählt da seine Reisegefährten, und bildet so eine Pilgerschast. — So vergeht der Vormittag.. — Diejenigen, die ein Geschäft betreiben und dabei selbst thätig sind, verlassen nun das Bethaus, und wenden sich zu ihrem Geschäfte; doch der bei weitem größere Theil, bestehend aus Subjekten, die entweder gänzlich geschästslos sind, oder ihren Krämerhandel durch ihre Ehehälften betreiben, verbleibt in seiner gemächlichen Konversation. Nun werden verschiedene kabbalistische Exegesen (m'-nn) vorgetragen und besprochen, über manchen fremden Rebi (Rebi und Zadik sind synonym, jedoch nennt der Chassid insonders seinen Rebi den Zadik,) losgezogen, fromme Nicht-Chassidim bespöttelt, und vorzüglich über die „Aufgeklärten" (ll-'v-npvd;), die sich.der Sprachen und Wissenschaften befleißigen, ja selbst die die Mendelsson'sche Ueberschung und den Biur. bei ihren: Bibelunterrichte gebrauchen, (sie nennen diese die „Deslauer-Leute," und pcrsiflircn sie mit dem talmudischen Spruche: r-man trpsnit nämlich wn in ihrem Jargon fast gleichlautend mit 81«^), das Verdammungsurtheil als Ketzer, die man unterdrücken müsse erbi ■p'p'vra ybs», fanatisch ausgesprochen. Dieses Schlaraffenleben geht so alltäglich seinen Gang. Mancher Chassid verläßt Wochenlang nicht die Chafsidim- Stube, sie ist ihm sein Gotteshaus, sein Sprechzimmer, sein Speisesal und zugleich — sein Schlafgemach. Zu welcher Entheiligung, Entwürdigung dies führt, kann man sich leicht denken; vielfach ist dies allein der Grund zu dem berüchtigten Eynis« mus der Chassidim; denn das Gotteshaus ist zu allen Zeiten der treue Spiegel des Kulturzustandes seiner Besucher. — (Fortsetzung folgt.) Correspondenzen. Aus Aachen. Ueber das Taubstummen-Institut des Herrn David Hirsch. (Fortse tzung.) Freudig reiste Hirsch nun seiner Hckmath zu; er hatte jetzt feste Anhaltpunkte, welche er mit Glück verfolgen konnte; sein Lehrweftn erhielt eine ganz andre Wendung; seine von Fleiß und Ausdauer unterstützten Anlagen konnten sich nunmehr aufs ersprießlichste entfalten; er verglich seine Meinungen mit den ihm vorgelegten, hielt seine Erfahrungen gegen die Anderer, fand dieses für zweckmäßig, jenes für weitschweifig, und gelangte dadurch zu manchen bedeutenden Erfindungen zur Erleichterung des Taubstummen-Unterrichts. Kaum war ein Jahr verflossen, als, wiewol wegen des Doppelberufs nur Stunde den Taubstummen gewidmet werden konnten, diese schon einfache Satze verstanden und geläufig beantworteten, fertig lasen und schrieben, die 4Species berechneten, und auch viele Fragen aus der bibl. Geschichte zu beantworten wußten. Doch dieser rühmlichen Anerkennung, welche dem Verdienste des Herrn Hirsch bis dahin in seinem kleinen Kreise gezollt wurde, ward bald eine größere Ausdehnung zu Theil. Das Gespräch über des Herrn, Hirsch rühmliches Wirken verbreitete sich tagtäglich immer mehr, und so geschah es denn, daß außer manchen verdienstvollen Männern, die die Neugierde in dessen Anstalt führte, auch der Regierungs- und Eonsistorialcath Ciasscn aus Aachen 1836 unerwartet in des Lehrers Schule trat. Wie überrascht und hocherfreut stand ec da, als er seine Erwartungen weit übectroffen sah. Die guten Antworten der Unglücklichen entzückten und rührten diesen Menschenfreund so sehr, daß er bewegt Hirsch's Hand ergriff, und sich folgendermaßen aussprach: „Sie haben mein Leben um einen freundlichen Morgen bereichert. Ich erkenne dankbarlichst Ihre Bemühungen an. Fahren sie fort-, Ihre betretene Bahn zu verfolgen. Zum Zeichen, wie sehr ich Sie schätze, gebe ich Ihnen mein Wort, daß ich von heut' an Ihnen schützend zur Seite stehen, und streben werbe, daß Ihnen ein größerer Wirkungskreis zu Theil werde." Das kam in Erfüllung. Nachdem Herr Hirsch