Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 4 (1840)
- Issue
- Heft 39 (26.9.1840)
- Date
- 1840-09-26
- Page
- Seite 562 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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862 so entgeht auch uns die nähere Bekanntschaft dieser Leutchen. In die Konferenz selbst dürfen wir nicht mit eintreten, der Schammesch an der Thüre gestattet es nicht. Sie dauert lang, und es scheint heftige Debatten zu setzen. Ist etwa eine Gefahr drohende Krisis für die Gemeinde eingetreten? öfter erheben sich drei, vier Stimmen auf einmal, eben so oft löst sich die Diskussion in zwanzig Privatgespräche auf: wie sind sie in Auflösung gerathen? ist Rebellion vorhanden? Eine Einzelstimme wird laut, ein schallendes Gelächter folgt — es war ein Bonmot. Aber nun beginnt die Debatte mit neuer Heftigkeit, und steigt zur höchsten Höhe, ich höre — Mizwot, Mischeberach, Ständer, Ordnung — jetzt legt es sich, das Protokoll wird verlesen, die Thür öffnet sich, die Versammlung geht auseinander, Alle befric, digt, Alle lächelnd, die Diskussion, aber post rutum, auf der Straße fortsetzend. Unser Geistlicher mit dem Vorsitzenden kommen langsam zuletzt, ernsthaft den Gewinn der heutigen Sitzung besprechend. Es ist sieben Uhr. Der Geistliche kehrt ermüdet nach Hause in den Schooß der Seinen. Er ist unfähig zur weiteren Arbeit. Ob er den Abend ruhig verleben kann? Ich weiß es nicht. Ich sehe noch gegen neun Uhr einen ältlichen Mann mit der Laterne nach dem Hause des Geistlichen eilen. Ob ein Sterbender Dessen verlangt? Ob eine Verlobung noch schnell beschlossen worden ist, und der Geistliche darüber aufnehmen soll? Lassen wir es auf sich beruhen. Wir glauben, genug gegeben zu haben. Der Geistliche hat Alles gethan und abgemacht, nur seine Predigt nicht — und morgen — fängt es wieder so an. Correspoudenjen. Aus Aachen. Ueber das Taubstummen - Institut des Herrn David Hirsch.") Sie erlauben mir wol einen kurzen Bericht über ein Institut und einen Mann, die, .wie sie überhaupt dem *) Dieser Bericht liegt uns allerdings schon eine Zeitlang vor, und hat unrerdeß das besprochene Institut weitere Fortschritte gemacht. Re da kt. israelitischen Kreise angehören, insonders durch die müh» same Weise, auf welche sie zu ihrem gegenwärtigen Standpunkt gekommen, interessiren. Ich meine das Taubstummen-Institut des Herrn David Hirsch allhier, daS jetzt zu einer erfreulichen Blüthe gekommen,- Dank den uneigennützigen Anstrengungen des Stifters. Wol wird dieser Bericht auch vielen Eltern willkommen sein, denen dadurch eine Gelegenheit geboten wird, einem Gebrechen der Natur an ihren Kindern möglichst abzuhclfen. So wie vr. I. C. Amman der erste in Deutschland war, der bei dem Taubstummen - Unterricht nach rationellen Grundsätzen verfuhr (s. seine Schrift: Surdus loquens, s. methodus, qua qui surdus natus est, loqui discere possit. Auistelodami 1692), und den Sprach - Mechanismus vortrefflich entwickelte, und Sam. Heinicke als der Gründer der ersten zweckmäßig eingerichteten Taubstummen-Anstalt in Deutschland (Leipzig) anzusehen ist: so ist Herr Hirsch der erste und unsres Wissens der alleinige Israelit Deutschlands, der sich diesem Unterrichtszweige zugewendet, und segensreich in ihm wirkt. Herr D. Hirsch ist im Jahre 1813 zu Müntz, einem Dorfe im Kreise Jülich, geboren. Ein verhängnißvolles Geschick umschwebte seine ganze Kindheit; bald nach der Geburt ward er am ganzen Körper so gelähmt, daß er bis zum 12. Jahre von seinen Gliedern keinen freien Gebrauch machen konnte. Die Versuche, die sein« braven, kummervollen Eltern vermittels ärztlicher Behandlung an ihm vornehmen ließen, mißlangen, bis endlich die gütige Vorsehung dem Knaben im 14. Jahre Kraft und völlige Gelenkigkeit verlieh. Indessen ließen die Eltern des Knaben Kindheit nicht ohne Vorbereitung zur geistigen Entwickelung vorüberzichen, sondern hielten nach Kräften Hauslehrer, welche ihm in den gewöhnlichen Schulkenntnissen Unterricht ertheilten. Die Zurückgezogenheit von der Welt, die Entfernung von den äußern Zerstreuungen, in welchen die muntere, lebensfrohe Jugend manch Stündchen weilt, weckten schon früh in der Seele des Knaben ernsthafte Gedanken; unterhaltende, wissenschaftliche Bücher waren seine Vertrauten und Tröster. Späterhin besuchte er die Elementarschule seines Ortes, und zeichnete sich durch Fleiß und Aufmerksamkeit vor allen andern Schülern aus. Da die dortige isracl. Gemeinde zu unbedeutend ist, einen Lehrer für ihre Jugend anzustellen, so kam Herr Hirsch 1831 dem Wunsche einiger Familie«, ihre Kinder zu unterrichten, um so freudiger entgegen, als das Lehrfach ihn am meisten anzog. Sein Wirken gewann in kurzer Zeit ein