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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1840-09-26 · Heft 39 (26.9.1840) · p. Seite 561

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
4 (1840)
Issue
Heft 39 (26.9.1840)
Date
1840-09-26
Page
Seite 561 (sequence 9)
Language
German
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561 essen nicht ganz ungestört, aber es sind nur Kleinigkeiten, schnell abgefertigte Anfragen u. s. w. und unser Geistlicher kann sogar zehn Minuten Mittagsruhe halten. War der Vormittag voller Gewitterunruhe, so ziehen die sanften Regenwolken als Nachzügler durch den Nachmittag. Kaum sitzt der Geistliche wieder in seinem Lehnstuhl, spitzt die Feder und will sich in die Höhe schwingen, ja er hat sogar Befehl ertheilt, Niemanden vorzulassen — trotz dem Befehl dringt ein weinendes Mädchen herein, und Niemand wagt sie zurückzuhalten. Der Bräutigam will das dritte Aufgebot abbestellen, weil fünfzig Thaler an der versprochenen Mitgift fehlen. Die Schande und die gescheiterte Hoffnung! Zuerst versuchte der Geistliche sie sanft auf die schlechten Aussichten einer Ehe, aufmerksam zu machen, die an so kleinem Umstande auseinanderfallen will, auf die geringe Liebe ihres Zukünftigen, die noch geringere Liebe in der Zukunft verspricht. Aber mit beredten Worten zeigt das Mädchen auf ihre Hülf- und Schutzlosigkeit, auf den bösen Willen der Eltern des Bräutigams, dem sich dieser beugen muß, und daß es schon so weit gediehen. An Hoffnungen wäre sie längst schon arm, und sie habe sich nur an dem zu halten was vor ihr liege. Endlich verspricht der Geistliche das Mögliche zu thun, um die Eltern zu bestimmen, oder wo nicht, das Fehlende durch Fürsprache zu ergänzen. Unterdeß hat sich ein Gast eingesunden, der auch nicht abzuweisen. Es ist ein Jüngling, noch kein Rabbinats-Candidat, aber ein werdender. Derselbe wünscht geistigen und leiblichen Rath. Er hat viel an Wissen vor sich gebracht, aber beim Mangel einer geregelten Carriere, Alles durcheinander. Er sieht überall, aber übersieht Nichts. Und doch fühlt er, was ihm fehle. Er pocht, und will hindurch. Er verlangt ein Grubenlicht, um durch den Schacht der noch rohen jüdischen Wissenschaft sich hindurchzugraben. Der Eine weist ihm seine Manuskripte und Literaturschätze, der Andere erinnert ihn an die Poskim, der dritte mahnt ihn an die Homiletik, die noch dazu der klassischen Bildung bedarf, der Vierte erfordert einen philosophischen Umguß. Wonach greifen? Welchen Weg einschlagen? Der Geistliche, mit dem klaren Blick über das Vorhandene, Gewünschte und Mögliche, spricht Alles durch, eröffnet willig seine Ansichten und Urtheile und endigt,rnit praktischen und reellen Angaben und Fingerzeigen. Nun aber der geistige Bedarf abgethan, woher die Mittel nehmen, den Weg zu verfolgen? Hier ist auch die Grenze unseres Mannes, wo er die Achsel mit Schmerz zucken muß. Endlich fällt ihm etwas ein. Er schreibt einen Brief, besiegelt ihn, übergiebt ihn dem Harrenden: er solle in Gottes Namen damit nach der Residenz fahren und den Herrn für das Weitere sorgen lassen. Auf eine solche Versicherung geht schon ein jüdischer Schüler nach der Universität ab, ohne sie zweimal sich wiederholen zu lassen. Ein Herr mit starkem Bauch und großen Uhrberloque's, mit vollem Gesichte und wohlgefälligen Zügen läßt sich anmelden. Die Thür wird weit geöffnet, der Eingetretene nimmt nach allen Formeln der Konvenienz Platz. Bald versenkt sich das Gespräch in das Gebiet der Synagogen-Reform. Der Herr spricht weitläufig seine Ansichten aus, und fordert Bewunderung. Er hat sich als Vorsteher einer ziemlichen Gemeinde zu erkennen gegeben. Nun kömmt die Klage über den Widerstand, über die Hartnäckigkeit der einzelnen Gemeindemitglieder, über die Zweideutigkeit ihres Geistlichen,' die Unschlüssigkeit der Regierung und endlich— die Unzulänglichkeit der Mittel. Man fordert Rath, den man aber schon im Voraus weiß, Unterstützung, die man nicht in Anwendung bringt, Bekräftigung, die überlei ist. Und nach ziemlich nutzloser Stunde empfiehlt sich der Herr. Es wird wol Alles beim Alten bleiben. Kaum hat er sich entfernt, so tritt ein Polizeibote ein. Ein Jude ist als Vagabond eingebracht, man will sich über ihn Aufschluß verschaffen. Ein Brief in hebräischer Sprache ist bei ihm gefunden worden, er ist dem Herrn Kriminal-Direktor ein verschlossenes Buch. Er beordert daher sofort eine Ucbersetzung. Der Brief ist ein harmloses Schreiben eines polnischen Schochet an einen Rabbinen, den Ueberbringer, seinen Schüler, als Schächter zu eraminiren und zu approbiren,. mit tausend orientalischen Schmeicheleien verbrämt. Der Geistliche skizzirt ihn schnell und übergiebt es dem Polizisten. ' Mitten inne schlägt die Stunde zur Gemeinde- Konferenz. Es haben sich draußen zwar wieder Bittsteller gesammelt, aber der Geistliche schlägt sich schnell in seine Kleider und durch die Wartenden hindurch, mit den Worten: „Kinder kommt morgen!" Und 39°

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