Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 4 (1840)
- Issue
- Heft 39 (26.9.1840)
- Date
- 1840-09-26
- Page
- Seite 560 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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360 wie lange werde ich dich noch tragen? auf sein Perlenband, wie lange wirst du mich noch schmücken? Der Zweite ist noch ein junges Kerlchen, aber die Röthe der Wangen ist langst gewichen; säst unheimlich fahren die großen steifen Augen aus dem schmutzigen Grau des Gesichtes, die Gestalt leidet an Magerkeit, aber ist in ein, dem Trödel entnommenes, großes, schlottriges Kleid gesteckt. Es ist ein Bachur, der tüchtig herumgeiernt, und nun seine erste Ausfahrt nach einer Schochet- und Lehrerstelle thut. Der Geistliche räth ihm, nicht auf der Hauptstraße zu bleiben, sondern sich in die Fußwege der kleinen Städte zu versenken, die würden ihn zum Ziele führen. Der Dritte endlich ist ein Greis aus den Sechszigen, er hat ausgedient, er nennt sich selbst aus der alten Welt, man woll' ihn nirgends mehr haben, höchstens einmal in einer kleinen Stadt zum Borbeten am Bersöhnungstage aus Noth. Es ist eine Jammergestalt durch und durch, mit allerhand Schäden an sich. Er war fünfzig Jahre Lehrer, und nun ist ihm seine Pension auf die Landstraße angewiesen, sein Jubiläum feiert er auf der Spreu in einer Dorsschenke, aber er weiß dies selbst nicht. Der Geistliche wirft einen Blick auf das Dreiblatt von Lehrern; sie stehen da wie Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft eines jüdischen Lehrers — o eine ganze Geschichte spricht sich darin aus. Nach möglichen Zurechtweisungen und möglichen Gaben werden sie entlassen, sie sprechen auf dem Heimwege nach der Schenke viel von alten und jungen Nabbinen, und der Alte spricht sich am geneigtesten für die letzteren aus, wahrscheinlich mißt er nach den dargereichten Brodkrusten. Der Bormittag neigt sich schon zu seinem Ende; wir müssen uns kurz fassen, und nur die bedeutenderen Gegenstände hervorheben, zwischen die die Bettelnden sich wie kleine Puffraketen zwischen die großen Leuchttransparente werfen. Ein junger Mann tritt ein, dessen Blick viel Beängstigung verräth. Er ist vom alten Priestergeschlechte, und hat sich an einem ausländischen Platze mit einem Mädchen trauen lassen, das in jungen Jahren durch einen Verführer gefallen war. Der Geistliche hatte Anzeige machen müssen, die Polizei weist auf das Landesgesetz: Ungültigkeit der Ehe! und nun will er sich Raths bei jenem selbst erholen. Könnte der Geistliche ihn unwillig anfahren? Er beruhigt ihn. Das jüdische Gesetz spielt nicht mit den geheiligten Formen , und so sie einmal vollzogen, sind sie bindend für immer. Und da nun der Bann nicht mehr aufgelegt werden könne, so habe er ihn zwar zur Scheidung zu veranlassen. Verweigere er aber diese, so müsse er ihn bestehen lassen, und der Staat habe nur die gesetzliche Geldstrafe einzuziehen. Wie gern wird diese bezahlt! Abermals tritt ein junger Mann ein, mit der Miene der Besorgniß. Er ist aus einer andern Provinz gebürtig, hat hier conditionirt unter der Firma eines Andern, noch ehe er das Einwohnerrecht erlangt hat, ein Geschäft etablirt. Dies ist verrathen und sein Gesuch um so eher abgeschlagen, alle erneueten Bitten zurückgewiesen werden. Die Polizei hat ihm befohlen, die Stadt zu räumen, sein Geschäft stockt, sein Waarenlager liegt brach, die Gläubiger drängen — was soll er thun? Der Geistliche schlägt ihm noch einen Rekours an das Ministerium vor, faßt ihm das Gesuch in den dringensten Worten ab, und empfiehlt ihm, sich von der Post einen Empfangschein geben zu lassen, um vor den Griffen der Polizei vorerst Ruhe zu haben. Eine benachbarte kleine Gemeinde drängt sich in pleno ein, Männer vom Lande in schmutzigen Stieseln, aber mit scharfen Köpfen und außerordentlicher Beharrlichkeit. Sie haben sich einige hundert Thaler gesammelt, und wollen eine Synagoge bauen, aber die Regierung verweigert ihnen die Erlaubniß, weil der Magistrat dawider ist. Sie wollen bei des Königs Majestät einkommen, und derselbe Magistrat hatte ihnen ein belobendes Aufführungsattest ausstellen müssen. Sie sind da, um sämmtlich das Bittschreiben , das der Geistliche gefertigt, zu unterzeichnen. Ein Rangstreit, nach welcher Reihenfolge sie sich unterschreiben sollen, wird mit Sorgfalt vom Geistlichen unterdrückt, indem er sie nach dem Alter sich ordnen läßt. Einige Male werden die Altersangaben bestritten, worauf privatim weitläufige Familienberechnungen zum Beweise angestellt und zuletzt kopfschüttelnd zugegeben werden. Mögen wir damit den Bormittag unsres Geistlichen beenden. Die Suppe dampft schon auf dem Tische als ihn die Letzten verließen, aber er muß' noch zuvor die Briefe lesen, die unterdeß eingelaufen. Aber das Briefgeheimniß ehren wir, und schweigen daher davon. Zwar bleibt auch das Mittags-