Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 4 (1840)
- Issue
- Heft 39 (26.9.1840)
- Date
- 1840-09-26
- Page
- Seite 559 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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559 währte, haben sich bereits Mehrere im Vorzimmer gesammelt. Die Boten werden zuerst abgefertigt; es sind einige Vorladungen vom Gerichte, Schwüre abzunehmen und Vergleiche zu bewirken, und zu einer Gemeinde-Konferenz auf den Nachmittag. Eine Deputation einer benachbarten Gemeinde wartet zunächst auf. Beim jüngsten Versöhnungstage sind in der kleinen Gemeinde von 13 Köpfen Zwistigkeiten vorgefallen. Der Lehrer hat einige Fehler im Vorbeten gemacht, man hat ihn von allen Seiten korrigirt, und der Lehrer hat's besser wissen wollen. Darüber sind zwei Parteien entstanden und sehr viel Groll, der mitten durch die Sündenbekenntniffe sich Luft schuf. Die Erzählung dauert lang, während deren der Geistliche mitleidige Blicke auf sein Manuskript wirft. Endlich ist sie zu Ende. Die Fehler werden eruirt, die Streitenden zum Frieden ermahnt, und zuletzt mit einer Anzeige höhern Orts gedroht. Alle scheiden unzufrieden, und vereinigen sich unterwegs wieder — im Tadel ihres Seelenhirten. Unter den Wartenden wird ein reinlich gekleideter Mann, an seiner Hand ein nettes Knäblein mit Gluthaugen im Kopfe zunächst hereinbeschieden. Der Geistliche sieht ihn liebevoll an, der Knabe zieht ein Päckchen Noten hervor, er hebt den Deckel des Piano auf, und , will seinem Fürsorger seine jüngsten Fortschritte in der Kunst, zu der er die erstaunendsten Anlagen zeigt, erweisen. Der Geistliche freut sich seines Werks, und übergiebt dem Knaben nach einigen Proben seiner Kunst das von mildthätigen Händen gesammelte Lehrgeld für's Quartal. Ein Weib mit von Thranen gerütheten Augen folgt. Sie ist von ihrem Manne mißhandelt worden, und sucht Trost und Erleichterung von täglicher Bürde. Mit sanften Worten wird der Gebeugten zugesprochen, leise sie an die Pflicht des Weibes in ruhiger Duldung gemahnt, und ihr verheißen, daß der rauhe Gatte berufen und mit allen geistlichen Waffen bekämpft werden soll, daß er das Herz ihr wieder öffne. Der Geistliche geleitet sie bis an die Stufen der Treppe. Bei der Rückkehr wendet sich ein Handwerksbursche sofort an unfern Mann, und bittet um Rath. Er ist aus der Fremde /und man will ihn nicht in's Land einlassen, trotzdem daß er schon einen Meister in der Residenzstadt und Zehrgeld hat, weil er Jude ist. Der Geistliche giebt ihm eine schriftliche Verwendung an eine höher gestellte Person. Unterdeß ist eine Person in einem abgeschabten Rocke, mit unordentlichem Halstuche und schmutziger Wäsche, von selbst eingctreten, hat sich während der vorhergehenden Verhandlung in eine Ecke gesetzt, einen Quartband, den sie unter dem Arme gehabt, auf den Stuhl gelegt, sich darauf gesetzt, und einen auf der Erde gelegenen Folianten ausgenommen. Er blättert darin mit gewandter Hand, bleibt bei einer Stelle stehen, schüttelt den Kopf und greift sich an's Kinn, wirft aber, so wie der Geistliche vakant ist, den Folianten nachlässig aus die Erde, und.tritt heran. Es ist ein fahrender Gelehrter, der Subscriptionen zu einem Buche sammelt. Der abgegriffene Quartant wird hergeholt, mit einem geschwätzigen Strome der Zweck und die Vorzüglichkeit des zu edirenden Werkes in den Himmel gehoben, dem ungeduldigen Geistlichen einige Stellen im lächerlichsten Pathos vorgetragen, und dabei Abschweifungen nach allen Weltgegenden der jüdischen Gelehrsamkeit sich gestattet. Was soll der Arme thun? Er muß zuhören, subscribircn, ja pranumeriren, einige Rekommandationen an die nächsten Gelehrten schreiben, und eine Liste der reichern Gemeindemitglieder ■— ob Mäcenaten oder nicht, gleichviel — aufsetzen. Er wird den Schriftsteller wieder sehen, nach einigen Jahren, ohne Buch und ohne Geld, aber mit noch abgerisseneren Kleidern und Zügen. Kaum ist er abgetreten, ergreift der Geistliche mit Hast die Feder, um seine Arbeit wieder zu beginnen, aber es sind schon wieder drei Gestalten erschienen, drei Gestalten, die denselben Zweck im Leben und im Eintreten haben, sonst aber sehr verschieden sind. Sie treffen im Zimmer des Geistlichen zufällig zusammen. Es sind jüdische Lehrer, die sich nach einer Stelle und etwas Reisegeld umsehen. Der Eine ist ein kräftiger, junger Mann, reinlich gekleidet, mit einem Perlen-Uhrbande und einem modigen Stocke: er hatte eine einträgliche Stelle am Rheine, aber sein sterbender Vater wollte ihn noch einmal sehen. Er macht sich auf, wandert hundert Meilen, und findet — ein Grab, und seine Stelle unterdeß besetzt. Das Glück will ihm nun nicht wohl, nirgends eine offene, seiner angemessene Stelle. Seine Ersparnisse sind ausgezehrt, und mit Bedauern sieht er auf seinen schönen Nock, mit der Frage im Auge,