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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1840-09-26 · Heft 39 (26.9.1840) · p. Seite 558

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
4 (1840)
Issue
Heft 39 (26.9.1840)
Date
1840-09-26
Page
Seite 558 (sequence 6)
Language
German
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558 Belletristik. Eine Skizze aus dem Leben. „Die größten Heldenthaten werden zwischen den vier Pfählen vollführt" — sagt Jean Paul irgendwo, und wenn nun auch lange nicht Alles, was zwischen den vier Pfählen geschieht, zu den Heldenthaten gehört, so wird der Leser doch auch nicht ungern einmal zwischen vier Pfählen weilen, und wären es nur die vier Pfähle — eines jüdischen Geistlichen. Wir werden von den öffentlichen Blättern täglich in das offene Weltmeer der nur selten großen Tagesbegebenheitcn hinausgestauet, mögen,wir auch einmal die Tagcsbegcbenheiten eines jüdischen Geistlichen vor uns vorübergleiten sehen. Wozu dies? Was kann ihm Großes, Bemerkenswerthes begegnen? — Aber es gilt auch nicht seine Person, es gilt nicht einmal seine Thäligkeit: nein, Eines will ich damit nur bemerklich machen — wie beweglich noch immer das jüdische Leben in seiner Individualität ist. Aus einem so tiefen geschichtlichen Boden erwachsen, und nun noch mit den Momenten der bewegten Gegenwart auch versehen, fährt es unruhig und gährend nach tausend Kristallisationen auseinander, deren anschließende Fadchen immer wieder nach der Mitte, und von der Mitte nach den Enden geworfen werden. Und haben wir nun gar einen Mann vor uns, der mitten zwischen die Konflikte der das Judenthum beherrschenden Zeiten getreten, einen jener jüngeren Geistlichen, die, das höhere Prinzip der Entwickelung vor Augen, die Massen, so weit sie in ihren Kreisen liegen, zu sich Heraufziehen wollen, wir müssen gestehen, es wird oft viel.Beurtheilungskraft, und viel Standhaftigkeit dazu gehören, den Standpunkt überhaupt nicht zu verlieren. Doch wir wollten ja eben nicht vom Allgemeinen sprechen, sondern ein ganz einfaches Bild der Wirklichkeit betrachten, das an sich nichts Bedeutendes hat, sondern nur als kleiner Reflex eines großen, im Hintergründe stehenden Lebens ein freundliches Lächeln der Thrilnahme abgewinnt. Wir weilen in einer provinziellen Hauptstadt. Wir stehen im kleinen Vorzimmer des Geistlichen, das nur von einigen Bücherregalen für gewöhnlich bewohnt ist. Es ist noch frühe Morgenstunde. Kaum mag der Geistliche sein Morgengebet verrichtet, seinen Morgenimbiß zu sich genommen haben. Aber die Thüre des Vorzimmers öffnet sich schon, und ein blinder Greis von einem Knaben geleitet, stolpert über die Schwelle. Die Thüre des Studierzimmers öffnet sich, und der Geistliche nimmt dem Blinden seine vorgestreckten Papiere ab. Er zählt 75 Jahre der Greis und ist bereits 60 Meilen gereist. Er will noch einmal so viele weiter, um — ein Bad zu besuchen, — sich kuriren zu lassen. Er hat seinen jüngsten Enkel mit genommen, um ihm zum Führer zu dienen, und sich dabei in der Fremde — auszubilden, wie er das versteht. Er verlangt eine Fuhre bis zur nächsten Gemeinde, eine Empfehlung an die Neichen der Stadt, ein Bittschreiben nach allen Gegenden, die er berührt, andere Beinkleider, eine Mütze für seinen Enkel und einige Groschen Reisegeld. Was kann man wol einem Greise von 75 Jahren, der sich im Bade kuriren will, mit weißem, wallendem Barte, vielen Thränen und noch lauterem Gejammer abschlagen? Zuletzt geleitet ihn der Geistliche selbst noch in die Küche, um ihm einen Morgentrunk geben zu lassen, , denn der Greis hat eine graade tour in der Stadt als Tagewerk vor sich. Der Geistliche setzt sich an die Arbeit, es mag wol die Predigt zum nächsten Sabbat sein. Er hat einen seligen Himmel sich in die Seele gedacht und schreibt sein Gebet nieder. Aber noch ist er nicht beim ersten Amen, als es durch das Vorzimmer poltert, und die Thüre schnell aufgerissen wird. Der Eintretende küßt noch schneller den weißen Streifen an der Psoste, und wirft am schnellsten seinen alten Hut in eine Ecke und seine schmutzigen Briefschaften auf den Tisch. „Rebbe, ihr müßt mir helfen!" ist die trotzige Bitte. ES ist ein Pole, er hat entweder an der Grenze geschmuggelt, oder all' seine Habe (!) im Brande verloren, und will nach Amerika. Er will nichts weiter als einen Platz ans dem Dampfschiffe, ein Reisegeld, hinreichend, um seiner Frau und seinen Kindern daheim noch einige Thaler zu schicken, und ein Paar Stiefeln. Der Mann gehl nicht ab; der Mann hat viel Ausdauer, und entfernt sich nicht ohne ein Paar Groschen und eine Anweisung an alle Kassen, die er schon beim Finger herzuzählen weiß. Da dies eine längere Zeit

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