Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 4 (1840)
- Issue
- Heft 38 (19.9.1840)
- Date
- 1840-09-19
- Page
- Seite 546 (sequence 10)
- Language
- German
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546 tct f und ihretwegen zwei Jahrtausende hindurch die schwersten Leiden über sich ergehen ließ; das in Hinblick — auf Gott und Ewigkeit, Leben und Freiheit und Alles, was das Leben verschönt und versüßt, hinzugeben vermochte,- kann ein solches Volk wirklich so verworfen, und verabscheuungswürdig, so baar und ledig von allen Gefühlen der Menschenliebe und Gerechtigkeit sein, wie Herr G. zu behaupten und in die Welt hinein zu schreiben sich nicht erblödet. Kann und darf diesem Volke, seine unbesiegbare Glaubenstreue, seine feste Anhang ichkeit, und die ihm vererbte Gotteslehre zum Verbrechen angerechnet, als eine mit dem öffentlichen Wohle unverträgliche Eigenschaft vorgeworfen werden? Verdient es deshalb die Schmähungen und Lästerungen, womit Hc. G. und Consorten über daffelbe herfallen? Wo zeitliche Vortheile aus hohem Rücksichten ausgeschlagen werden, wo Menschen für ihre Ueberzeugung, für eine übersinnliche Idee leben und sterben, da ist moralische Kraft, und diese fordert Achtung wo, und wie sie sich äußert; fordert selbst von denjenigen Achtung, die einen andern Standpunkt einnehmen, jener Idee keine Realität zugestehen u. ft w." Doch kaum war dieser Gegner abgcfertigt, als schon ein anderer auf dem Kampsplatze erschien; der zwar andere Waffen führend, doch eben so leicht aus dem Sattel zu heben sein wird. Es ist dieß ein Herr Becke. Dieser, keine Ansprüche auf Kenntniß der rabbinischen .Literatur machend, verfahrt im allgemeinen viel glimpflicher, und sucht nur durch Zurückrufung der Beschuldigungen, die man in den lichtscheuen Zeiten des Mittelalters dcn Juden in Ungarn zur Last legte, die Nation gegen die Juden zu erbittern, ihr Streben nach bürgerlicher Gleichstellung zu verdächtigen. Er sucht der Nation, das Bild der Uebel vorzuhalten, welche die Juden bei größern Begünstigungen ihr zufügen würden. Und da die Geschichte Ungarns, eben so wenig wie die der üvngen Völker Europas, sich unbefleckt von 0en Brandmalen erhalten konnte, die die Verlaumdungen des Mircetalters gegen die Juden ihr aufgedrückt, so fehlt es ihm auch nicht an Belegen. Sonderbares, und bedauern5werthes Geschick der Juden, sich das als Verbrechen angerechnet zu sehen, was genauer betrachtet, die krasse Unwissenheit, oder die hämische Bosheit des Klägers darthut. Trauriges Geschick der Juden, verdammt, noch nach Jahrhunderten die Strafe von imaginären Verbrechen zu tragen, von Verbrechen, die, waren sie auch wirklich verübt worden, längst schon hatten abgebüßt sein müssen. Es ist doch wirklich erbärmlich, das Raisonnement solcher Judenfeinde anzuhören. Man kömmt in Versuchung, ihnen zü rathen noch einmal ihre Compendien der Logik zu überlesen. Weil nach ihrer Meinung vor Jahrhunderten, Juden sich dieses oder jenes zu Schulden kommen ließen, darum werden sie sich wieder das zu Schulden kommen lassen. Wo ist da die Verbindung zwischen Ursache und Wirkung, zwischen Grund und Folge? Tausendmal empfinden sie die Wahrheit des Satzes! tempora imitantur, nos et nmtamur in iilis, doch bei den Juden sinder er keine Anwendung. Sind denn die heutigen Juden Ungarns, oder die Juden überhaupt noch dieselben, wie sie vor Jahrhunderten gewesen, ist die ungarische Nation noch dieselbe, wie sie damals war, oder sind es etwa noch dieselben Verhältnisse? Ist denn der rauschende Flügelschlag der Geschichte, der in den neuern Zeiten so mächtig, so weithin ertönt, den Juden überhaupt wie den Ungarn nicht erklungen? Hat der rasche Schwung des Zeitrads, in dessen Speichen die neuern Begebenheiten so gewaltig eingegriffen, diese gar nicht berührt? Oder wollen die Judenfeinde dieß alles ignoriren, daß sie sich stets auf den Standpunkt des Mittelalters versetzen? Das ist das unglückselige Geschick, das aus uns Juden so erdrückend lastet, daß da, wo es sich um Würdigung derselben handelt, der Judenseindliche Geistliche seine Moral, der Philosoph seine Eonsequenz, und der Geschichtschreiber seine Unparteilichkeit vergißt. — Man vergebe mir Oie Heine Abschweifung; ich mußte meinem gepreßten Herzen Lust machen. Ich kehre nun wieder zu Herrn B. zurück. Insbesondere ist sein Aufsatz gegen die im verflossenen Reichstag von den Ständen beantragte Verbesserung des bürgerlichen Zustandes der Juden gerichtet. Um ihre Unwürdigkeit zu beweisen, bedient er sich vorzüglich einzelner aus dem Zusammenhang herausgerissener Stellen, entnommen den bereits in diesen Blattern von mir besprochenen, und von der Natron so beifällig aufgenommenen Aufruf, den Hr. Moritz Bloch bei Gelegenheit der Ständeverhandiungen darüber an die ungarische Nation erließ. So z. B. hebt er die von Hrn. Bloch angeführten Beschuldigungen gegen die Juden, als von! ihm zugestanden heraus. Ein andermal spielt er den Einfältigen, und nimmt das für wahr an, was Herr Bloch ironisch gemeint. Doch glaube man nicht, daß es bloß die Judenfeinde