Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 4 (1840)
- Issue
- Heft 38 (19.9.1840)
- Date
- 1840-09-19
- Page
- Seite 543 (sequence 7)
- Language
- German
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543 hohem Entwickelung unter den Juden von der deutschen Welt mit Applaus ausgenommen worden, alsdann aber wirklich größere Genien aus der Mitte derselben mit wahrhaften Verdiensten in die Oeffentlichkeit traten, wandte sich eine große Klasse jener literarischen Handwerker voll Neides gegen sie, und suchten die öffentliche Meinung in Deutschland durch die öffentlichen Organe judenfeindlich zu bearbeiten, und durch ewige Klatschereien, Denuntiationen, Spöttereien und gehässige Anklagen die Stimmung wider die Juden zu richten. Und die Liebe hat ja überall nur einen so oberflächlichen Boden, der alte Haß aber senkt sich bis zum Granitstock der Erde hinunter. Wir müssen zu unserm Leidwesen gestehen, es gelang diesen treulosen Skribenten vielfach. Nicht, daß wir nicht eine bessere Zeir dennoch erhofften, nicht, daß wir glaubten, der Strom der Zeit und ihre Tendenzen konnte von solchen Leuten erstickt, gedämmt, abgeleitet werden — aber die Gegenwart ist doch davon getrübt und verschlechtert. Die Judenbeschuldigungen sprechen sich wieder mit einer Frechheit aus, wie man es nimmer erwartet hätte; die Vertheidiger der Juden wagt man keck Philister und veraltete Gleichmacher zu nennen; in öffentlichen Debatten schämt man sich fast, zu Gunsten der Juden zu sprechen, wenn es nicht offenbare Gebrechen und Ungerechtigkeiten betrifft; überall kömmt man mit Beschränkungen hervor, als ob diese sich von selbst verständen; und wo man nicht noch gar zu weit zurück ist, geschieht kein Schritt vorwärts. Ein schlimmes Loos für die ihrer Zeit, ihrer Kraft und ihres reinen, redlichen Wollcns bewußte Jugend. Denn der Mann, der seinen Kreis gefunden, er erträgt dies unwillig, aber er weiß sich zu schicken, er tröstet sich mit den Wirkungen im Einzelnen, wo er das Allgemeine umzuwandeln die Unmöglichkeit sieht; er arbeitet, und überläßt die Leitung, die Besserung dem Herrn der Geschichte, dem Meister der Menschheit. Aber die Jugend? Sie, mit offener Kraft und verschlossener Laufbahn? Sie, die bis hierher sich ausgerüstet, und ihre Rüstung nun verrosten sieht? Ueberall steht der Jude ihr im Wege. Der Staat, das ist ein altes Uebel. Die Gesellschaft, nun, das erträgt man. Aber auch die Literatur, die Wissenschaft, wendet sich schon schnöde ab, tritt ihr hämisch und grämlich entgegen, verschließt ihr ihre Pforten, oder hemmt sie auf ihren Pfaden. Wenn Männer, wie Dahlmann, Schönlein u. A. den Judenhaß, die empörendste Ungerechtigkeit offen darzulegen sich nicht scheuen, was läßt sich erwarten? Was Wunder, daß hier rin innerer Unwille, eine innere Unzufriedenheit sich anhäuft, daß hier ein noch unbestimmtes Hinaussehnen erwacht, daß, des unnützen Ringens überdrüssig, an den heimischen Zuständen ein Ekel erwacht, der sich tief ein, wurzelt, der den vagesten Wink, das unbegründetste Projekt erfaßt, sobald nur einmal eine totale Umänderung der Verhältnisse darin sich denken läßt! Wehe denen, die solch' einen Seelenzustand zu bespötteln wagen! Ja, daß in der jüdischen Jugend der Wunsch rege werde, ein Plätzchen auf der Erde zu wissen, sei's nur zu wissen, wo der Jude Anerkennung, offene und vollständige Anerkennung als Mensch findet, ohne aufzuhören, Jude zu sein, ohne seine Ueberzeugung aufzugeben, ohne das innere Heiligthum des Menschen zu entweihen — wen kann dies nur wundern? Müßte nicht die jüdische Jugend die flachste, fadeste sein, so es nicht so wäre? Was hat dies mit den alten Messiashoffnungen Israels zu thun? Glaubt ihr, daß die europäische Diplomatie uns jemals als der Messias Israels erscheinen könnte? Das nackte, wüste, zerrissene Syrien! Syrien, der Spielball der Völker und Geschichte! Syrien, das mit den Flüchen so vieler Gefallenen und Sterbenden, so vieler Völker, die hjxr vernichtet, so vieler Geschlechter, die hier niedergemetzelt wurden, belastet ist! Syrien, das Unglück des heiligen Landes, gegen das die Propheten Israels so oft ihre donnernden Sprüche anheben mußten, wie wir noch heute. Syrien, über und durch das der Kulturzug der ganzen Menschheit gegangen, ohne daß die Fasern der Kultur daran zu haften vermochten, das, heute, wie vor drei Jahrtausenden, räuberbewohnte Syrien — was haben wir mit dem zu schaffen? Anderthalb Jahrtausende standen Asien und Afrika sich kämpfend gegenüber. Medien, Babylon, Persien, Syro-Hellenen rangen abwechselnd mit Aegypten. Alle kleineren Völker des westlichen Asiens, Phönizier, Philister, Moab, Ammon rc. gingen in diesem Kampfe unter, verschwanden spurlos. Israel allein hatte anderthalb Jahrtausende die Kraft, sich in Mitten dieser großen Ringer, eingekeilt zwischen