Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 4 (1840)
- Issue
- Heft 38 (19.9.1840)
- Date
- 1840-09-19
- Page
- Seite 542 (sequence 6)
- Language
- German
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542 die Gemeinde auf den mangelnden Religionsunterricht aufmerksam zu machen. Mögen die Notabeln einsehen, wie sündhaft eine Verzögerung in dieser heiligen Angelegenheit ist und welche Wichtigkeit ihr Beruf hat. Von Gehässigkeiten zwischen Juden und Christen ist hier keine Spur zu finden. Tages-Controle. Vor Kurzem enthielt der Globe, ein Londoner ministerielles Blatt, mehrere Artikel, welche den Gedanken in die Welt warfen, auf dem zwischen Mehmed Ali und dem Sultan streitigen Gebiete, in Syrien, einen neutralen Staat, eine jArt Belgien, zu gründen, und zu diesem Zwecke daselbst eine ziemliche Anzahl Juden zu sammeln, mit einem Worte, einen jüdischen Staat zu bilden. Früher waren schon kleine Notizen vorangegangen, welche von Errichtung von Fabriken mit jüdischen Arbeitern in Palästina sprachen, von dortigen jüdischen Landbebauern u. s. w., die freilich Alle zu den piis desideriis gehören. Man weiß, ministerielle Blätter thun Nichts ohne Absicht, und alle ihre Artikel sind Mittel. Sind aber diese Absichten und die Zwecke dieser Mittel oft sehr dunkel: so pflegt doch weniger dunkel ihre Wirkung zu sein. — Im Gegensätze weiß man, wie viele fromme Christen danach trachten, in Syrien und Palästina einen christlichen Staat zu gründen, um die Zwecke, die einst die Schaaren der Kreuzfahrer nach dem Oriente führten, durch die unschuldigeren Kriegszüge der Diplomatie zu realisiren. Einer dieser Frommen ist der übrigens so geist- und talentreiche Lamartine, Deputirter. Von einem jüngsten Aufsatze dieses Deputirten nimmt der Courrier fran<,-ais vom 26. August Anlaß, Herrn v. Lamartine und den englischen Minister des Auswärtigen, Lord Palmerston, zusammenzustellen. „Herr von Lamartine, sagt der Courr. kranyais, will ein christliches Königreich an den Quellen des Jordan und am Fuße des Libanon gründen; daß nur Jerusalem, die heilige Stadt, in die Gewalt Frankreichs fiele, und er würde freudig die ganze Welt England und Rußland überlassen. Was nun bizarr an der Sache ist, das ist, daß Lord Palmerston dasselbe Terrain gewählt. Da, wo der berühmte Deplltirte von einem christlichen Staate träumt, projektirt Lord Palmerstvn eine jüdische Republik; die Bibel und den Talmud will er in Jerusalem einsetzen, anstatt des Evangeliums und des Kreuzes." Sehet da, eine Wirkung. Daß sich auch die kleine „Braunschweiger Morgenzeitung" neben dem großen Courr. frau$. darüber ausläßt, nun, das wollen wir für keine Wirkung ansehen. Aber als eine Wirkung müssen wir es doch betrachten, daß jene Artikel des Globe mit — sollen wir Wünschen oder Ahnungen sagen einiger unsrer jüngern Glaubensgenossen in einen gewissen Anklang zusammengetroffen. Es ist uns darüber mehrere schriftliche Andeutung zugekommen. Grund genug, um den Ernst und Scherz des Globe und Courr. framj. bei Seite zu lassen, und uns mit völligem Ernste darüber, oder vielmehr dagegen auszusprechen. Es lächle Niemand darüber. Gewiß ist, daß die neuere und neueste Zeit so vieles Wunderbare, Sonderbare und Eigene zu Tage fördert, daß man heute schon ernsthaft besprechen muß, woran vor kurzer Zeit zu denken, die heftigste Lachlust erregt hätte. Und der Tiefsinn der Jetztzeit sieht in Allem gleich „Zeichen der Zeit," die heilige Ahnungen in der Brust erwecken. Aber alles dieses beruht auf einem so düstern Hintergründe, daß dem Tieferblickenden die Lust zu scherzen vergeht. Die jetzige jüdische Jugend trägt das volle Bewußtsein ihres Standpunktes, ihrer Kräfte und Hemmnisse mit sich herum. Stehend auf dem Niveau des europäischen Lebens, voll des heißesten Eifers, des innigsten Triebes, in diesem Leben wirksam zu sein nach Kräften, und als integrirende Glieder der großen Gesellschaft ihre Arbeit und ihre Anerkennung zu finden, aber weit ab von jener heillosen, leeren Gleichgültigkeit gegen die innere Ueberzeugung, gegen das Heiligthum des Glaubens, wie diese in den Zwanziger Jahren die talentvollsten Juden den Tausch der Religion wie den Wechsel von Modegewändern vornehmen ließ, sondern festhaltend mit aller Willenskraft an dem, was sie für allein wahr und recht erkannt hat — sieht sich diese Jugend mehr als je überall zurückgewiesen, zurückgestoßen. Nachdem eine Zeit lang jedes Auskeimen einer