Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 4 (1840)
- Issue
- Heft 38 (19.9.1840)
- Date
- 1840-09-19
- Page
- Seite 538 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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558 folgungen zugekommen. Diese Darstellung spricht entschieden zu Gunsten der Unschuld der Juden, indem sie bestätigt, daß die Geständnisse den Einzelnen nur durch die grausamsten Zwangsmittel entrissen worden. Wie wir hören, wird der Reisende sein Tagebuch von dieser Fahrt in den Orient nach seiner wol noch in diesem Herbste zu erwartenden Rückkehr veröffentlichen." Rh obus. Paris, 31. Aug. Der französische Biceconsul in Rhodus soll alle dort unter seinem Schutze lebenden Juden aufgefodert haben, ihm den Verfasser eines Schreibens namhaft zu machen, das vor kurzem in europäischen Blättern veröffentlicht sei und mehre Consuln als Theilnehmer an den Maßregeln gegen die Juden bezeichne. Nach seiner Angabe geschah diese Aufforderung in Folge von höher» Befehlen; die Juden weigerten sich aber, seinem Verlangen zu willfahren. Rußland und Polen. Mi tau, 6. Aug. Wir hatten in diesen Tagen gleichsam eine Wiederholung im Kleinen von dem Auszuge der Kinder. Jsrael's aus Aegypten. Schon vor ein paar Jahren nämlich war hier höher» Orts eine Aufforderung an die Juden ergangen, ob sie sich unter angegebenen Bedingungen zu einer Auswanderung ins südliche Rußland verstehen wollten. Es entschloß sich dazu eine große Anzahl Familien; allein irgend welche Hindernisse, vielleicht grade der Umstand, daß die Mittel zur Colonisation einer so großen Menge, die sich gemeldet hatte, zu bedeutend seien, schienen schon das ganze Unternehmen rückgängig zu machen.. Natürlich kamen viele Familien, die ihr Bischen Hab und Gut schon in der Hoffnung aus die gelobte Zukunft 'zu baarem Gelde gemacht hatten, dadurch in eine traurige Lage. Das fühlte besonders ein jüdisches Weib und war darauf bedacht, ihr Volk zu retten. Als im vorigen Jahre der Kaiser unter dem Namen eines Grafen durch das Land nach Deutschland reiste, suchte jenes Weib in die Nahe des Wagens zu gelangen, und mochte wahrscheinlich ein so klägliches Aussehen annehmen, daß der vermeintliche Graf selbst nach ihrem Begehr fragte. Das Weib enthüllte diesem jetzt in der beredten Weise ihres Volks dessen ganze Calamität, versicherte, daß Alle auf die überschwengliche Gnade des Kaisers bauten, daß er ein Mann von Wort sei, und daß sie inständig flehe, er, der Herr Graf, möge durch seine huldreiche Fürbitte bei dem hohen Herrscher für die armen Juden die Erfüllung des Verheißenen auswirken. Wie sehr diese Fürbitte geholfen hat, geht nun daraus hervor, daß in diesen Tagen nicht weniger als 340 jüdische Familien Kurland verlassen haben, um in die Gegend zwischen Odessa und Charkow zu ziehen, und zwar unter Bedingungen, die jedenfalls ein großartiger Beweis von der Gnade des Kaisers sind. Sie erhalten zunächst für die Zeit der Reise, die einige Wochen dauern wird, täglich ein Erwachsener etwa 10Kop., ein Kind die Hälfte, sodaß eine Familie im Durchschnitt fast auf 1 Rubel Silber täglich rechnen kann; außerdem werden ihnen unentgeltlich die nöthigen Wagen zum Transport gestellt. Dort angckommen, finden sie ihre Wohnungen fix und fertig; die Ländereien, die man für sie angewiesen hat, sind so vertheilt, daß auf eine Familie, wie man sagt, etwa 14 Dessätinen kommen. Für das erste Jahr besorgt ihren Unterhalt noch die Regierung, die ihnen auch durch Aufseher und andere Beamten sowol Anweisung zum Ackerbaue geben, als auch für die polizeiliche Ordnung sorgen wird. Ferner ist ihnen auf 14 Jahre Abgabenfreiheit gewährt, und für die nächsten 50 Jahre brauchen sie keine Rekruten zu stellen. Man erkennt leicht, daß unter solchen Verhältnissen weiter nichts fehlt als guter Wille, Fleiß und Ordnung von Seiten dieser Familien selbst, um sich eine Lebenslage zu schaffen, wonach im Vergleiche zu der bisherigen der neue Wohnort für sie in der That ein Kanaan werden kann. Sollte die Colonie gedeihen, so läßt sich erwarten, daß die Regierung sich noch zur Anlage mehrer verstehen wird, da schon jetzt viele Familien darum nachgesucht haben, daß man ihnen die Erlaubniß zu einer Colonie auf ihre eigenen Kosten geben möchte. Zugleich geschieht dadurch eine Wohlthat auch unsrer Provinz, in der die Zahl der Juden, die 1^27 noch 4965 (wahrscheinlich nach ungründlicher Zählung Red. d. A. Z. d. I.) .betrüg, seitdem sich so vergrößert hat, daß 1834 nach offiziellen Angaben ihrer schon 22,431 waren. (A. L. Z.)