Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 4 (1840)
- Issue
- Heft 37 (12.9.1840)
- Date
- 1840-09-12
- Page
- Seite 533 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3224737-3225119-3225157--02977-3312490- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
533 dürfe, wenn dieselben nicht als baarer Unsinn erscheinen sollen. Hr. Dr. R. nämlich versteht unter Tugend, wie bereits erwähnt, die Uebung des Ceremonialgesetzes, und deren Aneignung kann man allerdings nicht als ein auf Erden unerreichbares Ideal ansehn. Sehen wir doch täglich dergleichen verkörperte Ideale automatisch in unsrer Mitte wandeln. Gegen diese, welche lediglich aus Gewohnheit jeden Morgen Tesillin legen, die Schaufaden küssen, dreimal täglich ihr Gebet hersagen, Lulew schütteln rc. war mit Recht der Tadel des Hr. Dr. R. gerichtet. — In Erwägung jedoch der Schwäche der menschlichen Natur und bei deren Geneigtheit, sich dasjenige anzugewöhnen, was man öfters und ununterbrochen wiederholt, können wir allen frommen Israeliten, welche im Sinne des Hm. Dr. R. nach dem Ideale der Tugend streben, keinen bessern Rath ertheilen, als das Ceremonialgesetz hin und wieder zu übertreten, denn hierdurch würden sie es am ersten verhindern, daß ihnen die Tugend nicht zur Gewohnheit werde. Man steht übrigens aus diesen Beispielen, wie leicht ein Mensch bei dem besten Willen verkannt und mißverstanden werden kann. Tadeln könnte man es allerdings, daß Hr. Dr. R. in seinen öffentlichen Vorträgen so verfänglich und zweideutig sich ausdrückt, und daß er nicht bedenkt, wie das, was er Tugend nennt, unter ganz andre Prinzipien gestellt werden müsse, als das, was man im gemeinen Leben unter Tugend versteht. Allein dieser Tadel beseitigt sich vollkommen, wenn man sich nur der Grundsätze erinnert, die, als von Hrn. Dr. R. befolgt, in der Einleitung unsers Berichts angedeutet worden; und hieraus ist es erklärlich, wie es dem Hrn. Dr. R., ohne die Gefahr eines Tadels zu scheuen, unter Umständen wünschenswerther fein muß, mißverstanden, als verstanden zu werden; und Niemand wird die hohe Selbstverleugnung verkennen, die derselbe bei der Durchführung jener Grundsätze entwickelt. Bevor wir den vorstehenden Bericht beschließen, dürften wir uns dem Leser gegenüber zu rechtfertigen haben, daß wir einen einzelnen Menschen zum Gegenstände einer so ausführlichen Betrachtung gewählt haben. Allein Herr Dr. R. ist von uns nicht in seiner Eigenschaft als Privatperson, sondern lediglich als ein öffentlicher Charakter betrachtet worden, in dem sich zugleich eine größere Anzahl seiner Amtsgenossen mehr oder wertiger repräsentirt, und die hier gemachten Andeutungen dürften etwa für ähnliche Erscheinungen an andern Orten in ähnlicher Weise zur Erklärung dienen, und namentlich zur Beseitigung von Mißverständnissen nicht ungeeignet sein. Sodann aber ist Kurhessen bis jetzt das einzige Land in den deusschen Gauen, wo die mosaischen Glaubensgenossen einer vollen bürgerlichen Gleichstellung sich erfreuen und man daher an dieselben auch größere Anforderungen in Bezug aus religiöse Aufklärung zu machen berechtigt ist, weshalb denn auch die Stellung eines Landrabbinen hiesigen Orts von größerer Bedeutung zu sein scheint. Schließlich hegen wir die Hoffnung, durch diesen Bericht ein Scherflein zur Steuer der Wahrheit beigetragen zu haben, jedenfalls aber haben wir die innere Genugthuung, unsre Ueberzeugung unumwunden und ohne alle persönliche Rücksicht, vielmehr in rein objectiver Weise ausgesprochen zu haben. Die hier mitgetheilrm Tharsachen stehen unumstößlich fest; sollten wir bei deren Auffassung geirrt haben, so würde es uns sehr erwünscht sein, wenn -unser unbekannter Verfasser, oder etwa Hr. Dr. R. selbst uns einer belehrenden Zurechtweisung würdigen wollte. x. Ueber Provirrzialzustärrde in Deutschland. II!. Aus der Pfalz. Speyer, rm Juli. Allerdings gehen die Dinge in kleineren Gemeinden jetzt besser und leichter, als in größeren, wo im Hangen und Schwanken die beste Zeit versäumt wird, wo unentschieden, welcher Richtung man folgen soll, man am liebsten gar keiner folgt. Diesen Charakter trägt auch die unsere, wahrend kleinere Gemeinden sich der Verbesserung des Gottesdienstes und Religionsunterrichtes mit Eifer annehmen. Es sind bereits drei Jahre, daß die hiesige Gemeinde eine neue Synagoge erbauen ließ, und wahr ist es, es ward kein Opfer gescheut, dieselbe im edelsten Geschmacke herzuftchten, in der Pfalz darf sich wot auch keine Synagoge der unsrigen gleichstellen. Damals hofften alle Gutgesinnten, daß mit der Ausschmükkung des Aeußecn, auch ein den Bedürfnissen der Zeit angemessen geschmückter Gottesdienst eingerichtet werde. Gott, man verlangt ja davon nur, was sich von selbst versteht! Es ist ja dabei nur auf Erhaltung der väterlichen Religion gedacht! Und es lag dies noch obendrein vermöge der Statuten in dm Händen der Vorsteher. 37 °