Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 4 (1840)
- Issue
- Heft 37 (12.9.1840)
- Date
- 1840-09-12
- Page
- Seite 532 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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332 Des Glaubens Macht! Nicht das gehobne Schwert, O das gehobne Auge ist ihr Zeuge, Wenn es im Feuer der B'egeistrung lacht! C o r r e s p o n d e n z e n. Kassel, 15. August. (Schluß.) Die Vorschriften des allgemeinen Sittengesetzes werden von ihm nicht etwa darum für bindend erachtet, weil sie sich der Vernunft und dem natürlichen Menschengesühl als solche mit Allgewalt aufdringen, sondern weil sie Ln dem positiven Canon als Gebote aufgeführt stehen. Dieser letztre ist ihm die ausschließliche Quelle göttlicher Offenbarung, Vernunft, Gefühl und Natur überhaupt werden von ihm als eine Erkenntnißquelle des göttlichen Wittens schlechthin negiert. Darum stehen ihm denn auch: der schwärzeste Verrath und das Tragen am Sabbat — der Diebstahl und der Genuß einer verbotenen Speise — vollkommen gleich; und dieses eben ist der Schlüssel zu dem Verständnisse jener so sehr verkannten Predigten. Beispiele werden dieses kürzlich erläutern: Vor einiger Zeit entwickelte Hr. Dr. R. in einem öffentlichen Vorträge den Satz: „Man dürfe bei der Be-- urtheilung der Fehler Andrer nicht zu nachsichtig fein" und suchte namentlich zu zeigen, daß eine solche Nachsicht an Jndifferentismus gränze. — Vom philosophischen Standpunkt aus betrachtet, würde dieser Satz als unwahr, als bedenklich, ja als unmoralisch erscheinen. Bedenkt man nämlich, daß eine unmoralische Handlung erst durch den Willen und das Motiv des Handelnden zu einer solchen wird, daß eine scheinbar verbrecherische That durch das ihr zu Grunde liegende Motiv nicht bloß Entschuldigung, sondern sogar moralische Würdigkeit verdienen kann, daß überhaupt die Motive einer Handlung der äußern Wahrnehmung entzogen sind, so wird man nur die größtmöglichste Nachsicht bei der Beurtheilung Andrer anempfthlen können. Dieses wollten denn auch unsre Weisen damit sagen, wenn sie Ln den Sprüchen der Vater den allgemeinen Satz aussprechen: „Beurtheile Deinen Nebenmenschen nicht, bevor Du in dessen Lage gekommen bist." Da nun aber dieses Letztere, bei der Derschkedenheit der Individuen und Verhältnisse, fast unmöglich ist, so wird man zu dem Resultate gelangen, daß kein Mensch befugt ist, über die moralische Würdigkeit oder Unwürdigkeit des Andern abzusprechen. Mag auch dem Verbrecher vor dem Rlchterstuhle menschlicher Justiz der Stab gebrochen werden, Niemand weiß, ob ec nicht vor dem des höchsten Richters als rein und schuldlos erscheine. Während sonach jener Satz, auf moralische Gebrechen angewendet, als höchst unphilosophisch erscheint, so wird man doch demselben eine gewisse Anerkennung nicht versagen können, wenn man unter den „Fehlern Andrer" lediglich die Uebertretung religiöser Gebrauche versteht, und von diesem Standpunkt aus erhält jener Satz allerdings praktische Wichtigkeit und Bedeutung. Es ist nämlich in unsrer indifferenten Zeit eine nicht seltne Erscheinung, daß selbst fromme Altgläubige diejenigen nachsichtig beurtheilen oder gar entschuldigen, welche vermöge ihres Berufs als Handwerker, Advocaten, Aerzte rc. sich über die Beobachtung religiöser Gebräuche hinwegsetzen. Gegen diesen gefährlichen Jndifferentismus allein wollte Hr. Dr. R. ankampfen, und das nicht ohne Grund. Denn niemals sollte die Uebertretung eines göttlichen Gebots durch äußere Jnconvenienzen entschuldigt werden dürfen. Ein anderes Mal stellte Hr. Dl-. R. als Thema zu einem öffentlichen Vortrage den Satz auf: „der Mensch müsse zu verhindern suchen, daß ihm die Tugend nicht zur Gewohnheit werde." Dieser Satz wurde vielfach getadelt, allein lediglich aus dem oben berührten irrigen Gesichtspunkte. Freilich wenn man mit Philosophen und Moralisten unter Tugend die Uebung des allgemeinen Sittengesetzes versteht, wird man jenen Satz gerade umgekehrt aufstetten müssen. Vom philosophischen Standpunkt aus erscheint es als das höchste Streben des Menschen, daß ihm die Tugend zur Natur, zur Gewohnheit, werde. Derjenige hat die Tugend noch nicht erworben, der noch im Kampfe mit dem bösen Prinzip begriffen ist und eben darum wird der schwache Erdensohn hienieden nur Tugenden, nicht aber die Tugend zu erwerben vermögen; sie selbst bleibt das himmlische Ideal, dem der Mensch zwar nachstreben soll, dessen Erreichung aber' ihm auf Erden nicht möglich ist. So unphilosophisch jener Satz daher aus jenem Gesichtspunkte auch erscheint, .so bedenken doch die Tadler desselben nicht, daß Hr. Dr. R., wenn gleich Dr. der Philosophie, doch weder Philosoph noch Moralist ist, und daß man daher an seine Predigten nicht den Maaßstab der Philosophie legen