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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1840-09-05 · Heft 36 (5.9.1840) · p. Seite 517

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
4 (1840)
Issue
Heft 36 (5.9.1840)
Date
1840-09-05
Page
Seite 517 (sequence 9)
Language
German
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517 Schönlein — staunen Sie immerhin, Herr Redakteur — vor einer großen Anzahl von Studierenden im Jahre achtzehnhundert und Vierzig sich aus, in demselben Jahre, wo die Feier des Guttenbergsfestes halb Europa, und die des Jubiläums Friedrichs des Großen ganz Preußen zur Huldigung geistiger Erhebung und Größe in Bewegung setzte! — Nicht ist dies Blatt das Forum, vor dem die Rede des Herrn Professors in ihrer vollen Ausdehnung zu erwägen und zu besprechen ist, dennoch aber mußte sie ganz und gar hier mitgetheilt werden, um den Ton und den Grad der Sitte genügend kennen zu lernen, den der Sprecher in ihr kund gegeben. — Wie konnte ein in wissenschaftlicher Hinsicht so ausgezeichneter Mann, wie Schönlein, sich so vergessen! Ja das ist das rechte, bezeichnende, ihn verdienter Weise demüthigende Wort! Vergessen hat er sich auf unerhörte Weise, vergessen sich als gebildeten Mann, als Königlichen Professor und Geheimen Medizinalrath, als Lehrer der Jugend! Vergessen hat er seinen Ruf und seine Würde! — Vergessen hat er endlich, und das ist das Wichtigste, Betrübendste, die Zeit und den Staat, worin er lebt, die Ansprüche, welche das 19. Jahrhundert an die geläuterte Bildung eines Jeden, namentlich aber eines Universitätslehrers, macht, die Pflichten der Gesittung und Geistesveredlung, welche das durch seine Intelligenz so hoch stehende Preußen im Bewußtsein alles dessen, was es zur Förderung derselben gethan, selbst dein Geringsten seines Volkes auferlegt hat, und deren Erfüllung es grade von den erleuchteten Notabilitäten des Landes, als schönstes Vorbild für die Menge, am meisten zu erwarten, berechtigt ist! — Es bildet in der That einen eigenthümlichen bemerkenswerthen Contrast, wenn man erst jüngst unsren edlen König, mit der Lebenswärme ächter Humanität und Bildung, den Deputirten der Berliner jüdischen Gemeinde, die Worte sagen hörte: ^Glauben Sie nicht, meine Herren, daß ich den Vorurtheilen finstrer Jahrhunderte angeböre!" — und nun vernimmt, wie ebenfalls in der Hauptstadt des Landes, unter den Augen des Königs, der Herr Professor Schönlein das öffentliche Bekenntniß ablegt, daß er noch von den Vorurtheilen finsterer Jahrhunderte besangen sei, daß er in seinen Begriffen um 3, nein 4 Jahrhunderte zurück wäre"), indem er sagt, daß den Juden ein unvertilgbarer, lästiger „orientalischer Knoblauchsgeruch" anhafte! So traurig und arg es ist, daß im I. 1840 noch ein Professor so etwas auszusprechen wagt, so erscheint es doch noch um vieles trauriger und ärger, wenn man unbedingt, wie hier der Fall ist, überzeugt sein kann, daß der Herr Professor keineswegs jener unsinnigen Idee selbst Glauben schenkt, da er weiß, daß nicht einmal der ungebildetste Schusterjunge, das roheste Hökerweib Berlins dergleichen mehr glaubt — sondern, daß er durch seine Worte nur den unsauber«, teuflischen Geist der Unduldsamkeit wieder heraufbeschwören wollte gegen ein ganzes, Jahrhunderte lang unglückseliges Volk, nur um an einem einzigen Zeitungsartikel-Schreiber Rache auszuüben, der ihn beleidigte! — O Gott im Himmel! Sind das die Früchte der höheren Civilisation, sind das die Zeichen der fortgeschrittenen Cultur?! — Nein, das ist nicht möglich, es sind nichts als die beklagenswerthen Ausbrüche einer verletzten Eitelkeit, einer leidenschaftlichen Aufregung, von der sich ein sonst als Arzt so ausgezeichneter Mann auf unverantwortliche Weise fortreißen ließ. — O, daß der Herr Professor nicht lieber einem Andern das Amt eines „Arztes seiner Ehre" übertrug; gewiß würde derselbe bessre, würdigere Mittel gefunden haben! — Herr Professor Schönlein, der sich selbst für den medicinischen Ritter Bayard erklärt, geht in seinem heftigen Sarkasmus so weit, auch die Todten herauf zu citiren. O hätte er das lieber nicht gethan! Entrüstet werden die Manen des verstandeshellen Reil, des gemüthlichen, genialen Heim, des feinen, vortrefflichen Hufeland, des biederen Behrendt ihm zurufen: „Nein, nein, du gleichest uns nimmermehr! uns hat kein Judenhaß beseelt, wir haben nie die Fahne der Intoleranz geschwungen, niemals an die Hirngespinnste einer nachtumhüllten Zeit geglaubt; wir haben stets, wo es unsre Ehre galt, nur mit wissenschaftlichen Waffen gekämpft, *)' Sagte doch schon vor 3 Jahrhunderten der Ehrenmann Luther voll schöner Toleranz: „Wenn die Apostel, die auch Juden waren, also hatten mit uns Heiden gehandelt, wie wir mit den Juden, es wäre nie ein Christ unter den Heiden geworden. Haben sie denn mit uns Heiden brüderlich gehandelt, so sollen wir wiederum brüderlich mit den Juden handeln!" 36 °

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