Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 4 (1840)
- Issue
- Heft 36 (5.9.1840)
- Date
- 1840-09-05
- Page
- Seite 512 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 98% known words query
- IRI
…/3224737-3225119-3225156--02955-3312467- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
312 vergessen, daß wir nicht in den Tagen der Verfolgung und der Unduldsamkeit leben; daß man sich in unserer Zeit durch Untersuchung aufklärt, und daß das Central-Consistorium, welches gewiß nicht daran denkt, Märtyrer zu machen, aufrichtige Ansichten verlangte, welche zu fordern ihre Pflicht war, und nicht eine erzwungene Beistimmung, die sie nicht das Recht hat, zu verlangen. Die Einsicht des Herrn Groß-Rabbinen von Metz hätte uns vielleicht einige nützlichen Bemerkungen verschafft, er hat uns deren beraubt; indem er seinen Beistand der Diskussion des übrigens erprobten und weisen Consistoriums von Metz entzog, dessen weltliche Glieder ihre Ausgabe so würdig gelöst haben. Nachdenken wird dem Herrn Groß-Rabbinen lehren, daß dieses Verfahren von seiner Seite ein großes Unrecht war: die Heftigkeit der Worte, die Unbedachtsamkeit der Insinuationen verderben die besten Absichten; die Religion drückt sich mit Sanftmuth und Würde aus; sie klagt nicht an, sie erthcilt Rath; sie greift nicht an, sie überzeugt. Um nichts zu vergessen, meine Herren, muß ich hinzusügen, daß 1) Bemerkungen, die in den passendsten Ausdrücken abgefaßt sind, uns von 16 Rabbinen des Bezirks von Strasbourg zugesandt sind; 2) daß eine gedruckte Protestation mit einer großen Anzahl Unterschriften, größtentheils aus den Gemeinden des Nieder-Rheins versehen worden; 3) daß Danksagungen für den Entwurf uns ebenfalls von einer großen Zahl der israelitischen Bürger, dieses Departements zugeschickt worden; 4) endlich, daß mehrere Bürger, namentlich Herr Hirsch aus Strasbourg und Herr Lyon Cremieux aus Codöve uns sehr weise Bemerkungen über diesen Gegenstand überschickt haben: wir haben Alles geprüft, Alles benutzet." Dies ist die klare, besonnene, meisterhafte Darlegung der bisherigen Vorgänge. Die neuen Vorschläge werden wir in der nächsten Nummer skizziren. Oesterreich. Aus Ober-Ungarn. (Privatmitth.) Betrachten wir die Israeliten, wie wir sie in Ungarn finden, so verräth Sprache, Name, Kleidung die nicht ferne Einwanderung. Selten oder nie geht die Genealogie weiter, als bis auf den Großvater, der war schon ein Pole, ein Böhme oder Mähre. Entweder sie waren also nie in großer Anzahl vorhanden, oder eine Vertreibung hatte statt gefunden. Letzteres wird noch durch eine höchst merkwürdige Erscheinung bekräftigt. In Siebenbürgen, diesem klassischen Boden religiöser Duldung, lebt eine Sekte, zerstreut durch's ganze Land, in Sprache, Sitten, Kleidung, Gewerbe immer ununterschieden von der lokalen Bevölkerung, die sich aber dennoch zu einer religiösen Korporation absondern, bekannt unter dem Namen Szombatniror, von Szombat, d. h. im Ungarischen Sabbat. (Also Sab bat er.) Höchst schwierig wird es, die Merkmale und Glaubenssätze, Ceremonien und Ritualien dieser Sekte genau anzugeben, indem sie Alles im tiefsten Geheimniß hält, ihre Bekenner ohne alle Bildung sind, wenigstens ohne alle theologische, noch nie zum Ausdruck ihrer Lehre gelangten, auch nicht versucht haben, sie zu desiniren. Das Wenige, was ich vernommen, theile ich hier mit, und fordre zugleich die Gelehrten meines Vaterlandes auf, meine Angaben zu berichtigen, wenn sie es können, die Sache zu untersuchen, und das Resultat hier mitzutheilen. Sie halten sich für Juden, feiern den Sabbat, und andere unsere Feste; beten unsere Gebete, übersetzt; heirathen nur untereinander; lesen die Bibel übersetzt; sind der hebräischen Sprache ganz unkundig; essen die unerlaubten Speisen, sogar Schweinefleisch. An Sonntagen besuchen sie die Orts-Kirche, indem sie alle bei einer christlichen Confession inmatriculirt sein müssen, wiewol sie allbekannt für Nichtchristen sind, quiesciren an Feiertagen gänzlich. Vielfach herrscht die Sage über ihren Ursprung. Sie selbst geben vor: ein siebenbürger Edelmann, der ein jüdisches Mädchen in Polen, das er geliebt, nicht anders heirathen konnte, bis er ihre Religion angenommen, habe dieselbe als er nach Hause gekommen, auf seinen Gütern verbreitet. Andere halten sie für portugiesische Flüchtlinge. Ich meine nun, es werden Ueberbleibseln der einstigen jüdischen Bewohner sein, die gewiß ungrisch gesprochen, später als ihre Brüder vertrieben wurden, dem Scheine nach die christliche Religion angenommen. Durch die Finsterniß der Zeiten, ist die väterliche Religion bei ihnen in Vergessenheit gerathen, und nur die leere Schale geblieben: vielleicht ist es der