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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1840-08-29 · Heft 35 (29.8.1840) · p. Seite 505

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
4 (1840)
Issue
Heft 35 (29.8.1840)
Date
1840-08-29
Page
Seite 505 (sequence 13)
Language
German
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505 verdächtigen. Wir werden .in dem Folgenden durch unzweideutige thatsächliche Belege zu beweisen suchen, daß die rabbinisch-talmudische Doctrin als die ausschließliche Norm unsers Rabbinen betrachtet werden muffe und daß dessen Bestrebungen einzig und allein dahin gehn, diesen, nur in ein modernes Gewand gehüllten Lehren, tm Leben Eingang und Geltung zu verschaffen. — Wir sind übrigens weit entfernt, dem Hrn. Dr. R. hierin einen Vorwurf zu machen, noch das von ihm befolgte System verdächtigen und ihn etwa der Heuchelei beschuldigen zu wollen; wir wollen vielmehr gern zugeben, daß er sich der Wahrheit seines Strebens bewußt zu sein glaube und daß er in der schroffen Abgeschlossenheit des Zudenthums, in dem starren stabilen Festhalten am Althergebrachten, daß er in allem diesen das Heil der Menschheit erblicke. So auffallend eine solche Erscheinung auch bei einem Manne sein mag, der einen wissenschaftlichen Cursus gemacht hat, so laßt sich dieselbe doch psychologisch recht gut erklären. Hr. Dr. R. wurde in jenen rabbinisch-talmudischen Grundsätzen erzogen und seit seiner frühesten Jugend dazu bestimmt, als derer'nstiger Rabbine in dem gedachten Sinne zu wirken. Historische und philosophische Studien wurden nicht um ihrer selbst willen und als die selbständige und lebendige Quelle ewiger Wahrheiten von ihm gepflegt und betrieben, sondern nur als ein untergeordnetes Mittel zu jenem Zwecke betrachtet, um einerseits den leidigen Anforderungen unsrer Zeit zu genügen, und andrerseits der talmudischen Aufgabe nachzukommen: an Darum gingen denn auch Geschichte und Philosophie wirkungslos an ihm vorüber und vermochten es nicht, die starren Wände zu durchbrechen, mit denen die Talmudisten das Heiligthum der jüdischen Religion umzäunt hatten, noch durch ihre erwärmenden Lebensstrahlen das Innere des verfinsterten Gebäudes zu erhellen. Es kann daher nicht ausfallen, wenn Herr Di. R. denjenigen Grundsätzen, die ihm durch langjährige Gewohnheit und durch die Erinnerung seiner Jugendjahre lieb und theuer geworden sind, auch im Leben Geltung zu verschaffen suche; auch mag für ein schwärmerisches Gemüth das Bild eines seit Jahrhunderten in aller Welt zerstreuten, überall verfolgten und bedrückten Volks, welches nur durch seine schroffe Abgeschlossenheit sich im Strudel der Alles verschlingenden Zeit zu erhalten ver? mochte, dieses düstre Schattenbild eines selbst in seiner Erniedrigung erhabenen Volkes mag, sagen wir, für ein schwärmerisches Gemüth einen poetischen Reiz haben, der dasselbe nicht gegen ein Helles, aber die Abgeschlossenheit aufhebendes Bürgerthum vertauschen möchte. Die Wahrheit des Bisherigen vorausgesetzt, dürste es immerhin dem fernstehenden Leser auffallend erschein nen, wie es überhaupt, namentlich aber unfern Verfasser möglich 'sei, über die Tendenz eines Mannes im Zweifel zu sein, der in einem 4jährigen Zeitraum durch Wort und That genügende Prämissen zu einem richtigen Urtheil geliefert haben müsse, und leugnen läßt sich allerdings nicht, daß oft das scheinbar unentschiedene Verhalten unsres Rabbinen ihm wol von Manchen, ja von seinen eifrigsten Anhängern, zum Vorwurf gemacht wurde. Allein Letzteres gewiß mit Unrecht. Jene Erscheinung erklärt sich übrigens vollkommen durch die Bemerkung, daß die Art und Weise in welcher Hr. Di*. R. jenen Grundsätzen Eingang zu verschaffen sucht, von der Verfahrungsweise seiner Vorgänger im Rabbinate wesentlich abweicht, welche Verschiedenheit aber keineswegs-in der Sache selbst ihren Grund hat, sondern lediglich durch die veränderten Zeitverhältnisse bedingt ist. Die Geistlichen früherer Jahrhunderte waren im Besitze der durch den Fanatismus der Menge ihnen dargebotenen Gewalt, Bannfluch und Verfolgungssucht waren die Waffen, durch welche sie die Reinheit der Lehre zu erhalten und die Andersgläubigen in den Schooß der Kirche gewaltsam zurückzuführen wußten. Jene Waffen sind im Laufe der Zeit und durch den langen Gebrauch stumpf und abgenutzt geworden und man ist, da zur Erreichung eines jeden Zweckes auch Mittel nöthig sind, natürlich gezwungen, zu denjenigen Mitteln seine Zuflucht zu nehmen, welche Klugheit, Vorsicht und Gewandtheit an die Hand geben. Gewöhnlich pflegt man diese letztere Verfahrungsweise mit dem gehässigen Ausdruck „Jesultismus" zu benennen; allein wenn man dieselbe mit jenen gewaltsamen Mitteln vergleicht, deren stch die altern Rabbinen bedienten, so dürste es kaum in Frage stehn, welche von beiden in den Augen des Menschenfreundes den Vorzug verdiene und man wird sich auch hier über den Fortschritt der Cultur freuen müssen, dem sich, wenn auch nothgedrungen, selbst derjenige unterwerfen muß, der überall der Stabilität zu huldigen vermeint. Wenn es überdies wahr ist, daß in unsrer Zeit die Politik die Seele jeder öffentlichen Wirksamkeit ist, warum soll nicht der Geistliche zu diesem Mittel gleichfalls seine Zuflucht nehmen dürfen, um durch Hülfe dessen seinen heiligen Zweck um so sicherer zu erreichen? — Und wie wirksam dieses Mittel in den

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