Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1840-08-08 · Heft 32 (8.8.1840) · p. Seite 464

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
4 (1840)
Issue
Heft 32 (8.8.1840)
Date
1840-08-08
Page
Seite 464 (sequence 12)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/3224737-3225119-3225152--02903-3312411
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

464 „Weltschmerz" oder „Weltjubel" auftösen, je nachdem der Dichter einen Untergang oder einen Sieg bereiten will. Je schroffer nun die Extreme sind, die sich hier durch dle Macht der Dichtkunst in Rapport setzen sollen, desto poetischer wird die Gestalt des Juden sein, und auf die Tiefe des Bewußtseins wird es ankommen, ob die Erscheinung einen gcößern oder mindern Pathos in sich trage, eine Tiefe und ein Pathos, die freilich unserm französischen Dichter ziemlich fern blieben und die er dem Leser selbst hineinzulegen überließ. Hierbei können nun freilich die Sittenschilderungen einen Hebel mehr abgeben, aber sie können den eigentlichen Inhalt der Dichtung nie ausmachen. Sie sind die Schnörkel an dem gothischen Münster, die höchstens seinen erhabenen Linien einige Abwechselungen bieten. Ein Gleiches ist es selbst, wenn der Humor der Gestalt des Juden sich bemächtigt, denn auch da können die Sitten und Brauche nur der Grund sein, aus welchem die Gestalten des Dichters hervoctauchen. In neuerer Zeit hat man den „Weltschmerz" der modernen Juden öfters lächerlich zu machen gesucht. Und allerdings hat man Grund dazu, denn man kann nicht absehen, was dem modernen Juden einen solchen Weltschmerz verabreichen könne. Nur dem Juden früherer Zeiten kann derselbe eingegeben werden, dem sein Volk und sein Glauben wahre Lebenselemente sind; sobald aber der Jude modcrnisirt ist, ist seine VolkSthümlichkeit verflüchtigt, und sein Glaube zu einigen absteacten Sätzen eingeschrumpft, um die er discuriren kann, die ihm auch eine erhabene, festzuhaltende Wahrheit sein muffen, um die er aber am wenigsten sich härmen darf. Die bürgerliche Emancipation aber ist eine so prosaische Wirklichkeit und ein Streiten um unige, das flache Leben betreffende Rechte, daß sie der Poesie ganz baar ist, so wesentlich sie auch den materiellen Interessen der Betreffenden gehören mag. Mit Recht hat man daher oft gesagt, daß das jüdische Volk von einer tiefen Poesie, die Individuen desselben durchaus von einer flachen Prosa sind. Gestalten, in denen sich daher der ganze Gehalt des jüdischen Volkes verkörpert, diese sind der Dichtung eine willkommene Gabe. Die Zerstreuung über den ganzen Erdrund, die Jsolirung von der ganzen Gesellschaft, die Zurückstoßung von der gesammten Menschheit, mit dem ganzen Fonds dagegenwühlender Gefühle, das Älterthum und die Ausdauer durch alle Zeiten, das Leiden und Tragen der Schmach und des Drucks, dieses Alles um den Glauben, um geistige Prinzipien, mit einem intensivesten Bewußtsein als ein erkornes Volk, als ein von Gott selbst bevorzugter Stamm, wie dieses Bewußtsein allerdings in den jetzigen Juden erblichen, wol aber in den ehemaligen Juden vollpulsig lebte, ein himmlisches Königreich im irdischen Bettlergewande, eine verstoßene, zertretene Königssamilie — alles dies giebt die fruchtbarsten Elemente der Poesie ab, deren wahrhafte Vereinigung und Lösung noch immer der Hand des Genius harret. Gestalten die den ganzen Tod des jüdischen Volkes, die ganze Schmach des jüdischen Lebens, zugleich aber die ganze Herrlichkeit und Innerlichkeit des alten jüdischen Glaubens, und unter diesem Gewichte das ganze Ringen eines menschlichen Genius nach oben trügen, übertrafen an dichterischer Tiefe alle Gestalten der alten und neuern Geschichte — weil sich eben dieser Komplex nirgends wiedersindet. Dahinein ließen sich alle Kampfe des Menschen und des Lebens, des Himmels und der Erde, alle Gluth der Empfindungen, alle Überspannungen der geistigen Kräfte, bis an die Grenzen des Wahnsinns und der menschlichen Möglichkeit (ragen. Man verwechsele diese Gestalten aber durchaus nicht mit jenem zwischen Ehristenthum und Judenthum hin und her schwankenden Ahasveros, denn wo das Leben aus einem Fluche, das Dasein auf einer Sünde beruhet, kann die wahre Poesie nicht haften. Nur die Wahrheit, nicht eine Lüge des Daseins kann der Dichtung echtes Leben geben. Das Judenthum muß Judenthum bleiben, wenn es poetisch sein soll, sonst lauft es auf eine Bekehcungsgeschichte aus den Missionsberichten hinaus. Moses, Jeremias, Eleazar, Abarbanel, das sind poetische Gestalten aus dem jüdischen Bereiche, weil sie Juden sind und bleiben. Jeder andere Griff in die Urne der Poesie ist hier ein Fehlgriff." Fortlaufende Berichte über Gemeinde- und Synagogen - Reformen. Hamburg, 19. Juli.*) Jeder Schritt, den eine große Gemeinde macht, und wäre er an sich noch so unbedeutend, interessrrt das theilnehmende Publikum, und reihen sich vielseitig Gedanken daran, die immer nicht ohne Wechselwirkung bleiben. So sind denn auch für die Hamburger Synagogen einige Vorschriften erschienen, deren Ausführung einer besonders constituirten Synagogen-Jnspektion anvertraut worden. Diese Vorschriften sind: 1. Daß Jedermann während des Gottesdienstes auf seiner Stelle zu verbleiben hat; 2. Kinder unter 5 Jahren dürfen nicht in die Synagoge kom-j men; jedem, der keine Stätte besitzt, wird eine ange-' wiesen; 3. wahrend des Gottesdienstes nicht zu sprechen, und irgend eine Störung zu verursachen; 4. dem san gegenüber, übernimmt der Unterchasan die Leitung °) Nicht von unserm gewöhnlichen Corresp. Red.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.