Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 4 (1840)
- Issue
- Heft 28 (11.7.1840)
- Date
- 1840-07-11
- Page
- Seite 404 (sequence 8)
- Language
- German
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404 Menschenfreunde ziehen gern den Schleier über diese Vorgänge, aber die Geschichte fordert ihr Recht. Hat die Menschheit selbst mit ehernen Füßen die Menschheit getreten, muß der Griffel der Geschichte auch ehern sein, und ihre Buchstaben ätzend in die ehernen Tafeln graben. Znsonders ist die Geschichte der Juden in Böhmen noch eine vielfach unbe- ' kannte und unerforschte Parthie, und so stehen wir nicht an, Mehreres für die ältere Geschichte unsrer Glaubensgenossen in diesem Lande heranzubringen, so wenig erbaulich es im Ganzen auch ist. Unter den böhmischen Geschichtsschreibern steht Wenzel Hagek von Libotschan an der Spitze, der gewöhnlich der böhmische Livius genannt wird. Seine weitläufige Chronik ist für die späteren Geschichtsforscher die unerschöpfliche Quelle, und auch die Dichter holen durstig ihren Stoff aus ihm zu ihren zahllosen Dichtungen vom Czechenvolke. Eine hagekische Chronik wird wie ein kostbarer Familienschatz von Vater auf Sohn vererbt, im Schreine wie ein Heiligthum von Feiertag zu Feiertag sorgfältig aufbewahrt. Ob und in wie weit dieser zweideutige Gelehrte des 16. Jahrhunderts eine solche Würdigung verdient, ist hier nicht der Ort zu entscheiden. Nur so viel kann man mit Recht behaupten, obgleich Hagek die erforderlichen Eigenschaften eines Geschichtsschreibers durchaus nicht besaß, so hat seine Chronik dennoch in Böhmen fortdauernd den Samen des Judenhasses ausgestreut, so daß dieser insonders durch Hagek's Hülfe noch lange fortdauern wird; denn alle Beschuldigungen, welche dieser Chr'onist mit dem unerhörtesten Leichtsinn nachspricht, und womit er, im Sinne der verruchtesten Thäter, die an den Juden verübten Grausamkeiten übertüncht, sie werden vom großen Haufen noch heute für Wahrheiten genommen, und stellen sich wie Gespenster, die aber Fleisch und Blut, ja sogar Schwert und Dolch haben, zwischen die Söhne eines Landes! Einige Jahre nach dem Tode Hagek's hat ein gewisser Johann Sandel im Jahre 1696 dessen Chronik in's Deutsche übersetzt. Aus dieser Uebersetzung ziehe ich die folgenden Stellen. Unter der Regierung Boleslaus war noch der größte Theil der Böhmen heidnischer Religion, und die geringere Anzahl Christen hatte oft harte Kämpfe gen die Heiden zu bestehen. Daher heißt es bei Hagek: „Anno 995; Da versammelten die Christen all' ihre Macht, nahmen auch die Jüden zu Hülff und übersielen die Heyden mit schneller Eil. Und ehe sie zu ihren Bogen und Pfeilen kamen wurden sie von den Christen trefflich darniedergeschlagen. — -Und dieweil die Jüden den Chrisien wider die Heyden einen solchen ritterlichen Beystand gethan, als wurde ihnen erlaubt, unter den Christen, am Ufer der Mulda eine Schul zu bauen-" Ein guter Anfang! Also haben die Juden doch auch einiges Anrecht auf den Boden des Böhmischen Vaterlandes? Also haben sie sich dieses Anrecht mit dem Schwerte m der Faust erkämpft? Sie sind nicht bloß Eindringlinge, sie find Eure Waffengefährten, die Euch den Sieg erkämpfen halfen! Und dies gesteht der zu, der fast mit Freude die nachherigen Gräurlscenen berichtet. Schade, daß dieser Sonnenblick so kurz ist; denn schon 58 Jahre später finden sich alle jüdischen Uebel auf einem Punkte zusammen. Wir wollen diese Stelle, da sie uns den Anfang dieser Scenen giebt, in extenso Herstellen; sie ist so brutal dumm und einfältig dabei. „Anno 1053 unter Brzetislaus: Die Juden, welche in der ältern sonst kleinen Stadt Prag gewohnt, kamen in ihre Synagogen zusammen und rathschlagten, wie sie der Christen aus derselben Stadt loswerden und dieselbige selbst besitzen möchten. Dieser ihr Rathschlag war dem Herzogen Brzetislaus durch einen Juden geoffenbaret, aber er als ein gütiger Herr that dessen nicht groß achten. Nach kurzer Zeit kam ein großes Sterben unter die Einwohner dieser Stadt, und die Aerzte verwunderten sich nicht wenig darüber, daß alle Menschen mit einerley Seuche beladen und hinsturben. Etliche aber nahmen es in Acht, daß die ganze Zeit über so lange es in der kleinen Stadt, wo die Juden wohneten, gestorben, kein einziger Jude starb. Mittlerweile begab sich's, daß ein Jude an einem Abend für eines Christen Hause ein Kind erwischte und trug es unter dem Mantel davon. Solches hat ein Christ aus leinem Stubenfenster gesehen, lief ihm eilends nach, nahm ihm das Kind und ließ ihn in des Herzogen Gesängnüs stecken. Als dieses für den Herzogen kam, hieß er den Juden peinigen und er bekannte, daß er das Kind umbringcn, das Blut davon ausj fangen, und solches ins Walschland seinem Venn