Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 4 (1840)
- Issue
- Heft 27 (4.7.1840)
- Date
- 1840-07-04
- Page
- Seite 389 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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389 Als Prediger ist unser Landrabbine gewiß eine seltene Erscheinung. Gedankenreichthum, Kraft und Wohlklang der Stimme vereinigen sich in ihm und deuten auf den angebornen Beruf. Nur dürste sich seine glänzende Beredsamkeit mannigfaltigem Stoff wählen, mehr in individuelle Bebenssituationen eingehen und überhaupt das Gemüth seiner Zuhörer mehr zu ergreifen suchen. Uns hat er bis jetzt mehr zur Bewunderung als zur Rührung hingerissen. Wir meinen, es müsse ihm in hohem Grade gelingen, die Herzensveredlung seiner Gemeinde zu befördern und ein seiner herrlichen Gaben würdiges Ziel zu erreichen. Doch dürfen wir auch in dieser Beziehung von einem Manne das Beste hoffen, der jung, kräftig und strebend dasteht und muthig und selbstvertrauend in die Zukunft blickt. Nur dürfen wir, als Mitglieder seiner Gemeinde am wenigsten in den Ton einstimmen, den einige Uebclwollende aus gewissen, vielleicht nicht ganz lautern, Gründen anzugeben seit einiger Zeit unablässig bemüht sind. Warum sollen wir der Meinung Anderer, wenn sie aus Herzensgründe entspringt und nicht erheuchelt ist, feindselig entgegentreten Md nicht vielmehr uns jener Objektivität befleißigen, die bei aller Charakterfestigkeit, fremde Gesinnung zu ehren weiß? — Ist es nicht der allerhärteste Egoismus, unsre Meinung als die einzig richtige hinzustellen und die davon Abweichenden als Heuchler zu bezeichnen? — Wahrlich, die alte Intoleranz ist noch nicht verschwunden; sie hat nur die Fahne verlassen, ist von den Orthodoxen zu den sich selbst aufgeklärt Nennenden übergegangen und hat die Zeit recht gut verstanden. Sie ist eine Ueberläuferin, die der Mehrheit folgt, und untreu kämpft sie nun Legen ihre alten Freunde. Mag wer da will hierin die rächende Nemesis erkennen — so viel ist gewiß: sie muß verschwinden, soll das Reich Gottes auf Erden begründet werden. — Am zweiten Peßachtage fand in unsrer Synagoge eine Feier statt, deren wir hier erwähnen müssen. Acht Mädchen legten in Gegenwart der Gemeinde Beweise ab von ihrer Kenntniß der Religion ihrer Väter. Herr Oberlehrer vr. Büdinger, dem, als Religionslehrer, diese öffentliche Prüfung vom Herrn Landrabbinen übertragen wurde, hielt eine herzliche Anrede an die Gemeinde und an die Kinder, und zeigte auch hier, wie sehr er sich um die religiöse Bildung der weiblichen Jugend verdient gemacht. Die meisten der Geprüften besuchten nämlich die unter der Direction der Frau Dr. A. Büdinger von dem hiesigen Mädchenvereine gegründete Mädchenschule für arme israelitische Kinder, in welcher Herr vr. Büdinger den Religionsunterricht seit vielen Jahren unentgeldlich vertheilt. Durch das Zusammenwirken der Gesellschaft der Humanität mit dem Mädchenvereine hat diese Schule vor einiger Zeit eine zweckmäßige Umgestaltung erlitten, und es verdient in dieser Rücksicht die humane Wirksamkeit des Herrn Philipp S. Goldschmidt und die seiner Frau, der dermaligen Directrice des Mädchenvereins die dankbarste Anerkennung. Die Mädchen erhalten einen ihrer künftigen Bestimmung angemessenen regelmäßigen Schulunterricht und werden, je nach Maßgabe ihrer Fähigkeiten und ihres Alters, in weiblichen Arbeiten geübt. Die Ges. der Humanität, deren in diesem Blatte schon früher Erwähnung geschah, wirkt noch immer im Sinne ihres edlen Stifters fort. Sie sorgt für Bekleidung, Pflege und Unterricht armer Knaben, gibt diese nach vollendeten Schuljahren zu tüchtigen Meistern in die Lehre, unterstützt strebende Jünglinge in ihren Studien, ist Handwerkern, die es verdienen, zum Meisterwerden und Etablissement behilflich und sucht auch seit einiger Zeit die Liebe zum Ackerbau unter den Israeliten unsres Vaterlandes, durch Prämien für die tüchtigsten Leistungen in diesem Fache, zu befördern. Herr Samson Rüben Goldschmidt, der als Director schon seit vielen Jahren der Gesellschaft vorsteht, fährt, trotz seines vorgerückten Alters, fort, mit ungeschwächtem Eifer und regem Wohlwollen im Interesse der Humanität zu wirken und verd.ient gewiß unser Aller Anerkennung. An wohlthätigen Anstalten, am Sinne für das Gute und an Theilnahme an allem, was Judenthum betrifft, fehlt es überhaupt unsrer Gemeinde nicht, und wir dürfen einer befriedigenden Entwickelung der in derselben vorhandenen Elemente zum Guten froh entgegensetzen. K