Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 4 (1840)
- Issue
- Heft 27 (4.7.1840)
- Date
- 1840-07-04
- Page
- Seite 388 (sequence 4)
- Language
- German
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388 das von demselben gewirkte Gute mit gebührendem Danke anerkennen und uns zu schönen Hoffnungen für die Zukunft berechtigt fühlen. Wir sind weit entfernt, das Streben unsrer Zeit, in dem wir selbst befangen sind, zu tadeln und unhistorisch zu beklagen; sind vielmehr der festen Ueberzeugung, daß es zum Guten führen werde. Die religiösen Ansichten unsrer Zeit sind, wie die politischen, noch nicht zur gehörigen Consolidation gelangt; auch die Gedankenwelt muß ihren chemischen Proceß durchmachen, und dieser geht, für unser kurzsichtiges Auge, wahrlich nicht vor sich in wunderbar regelmäßigen und blitzschnellen Krystallisationen. Da gibt es Streit und Kamps, Erbitterung und Feindseligkeit, Verdächtigung und Schmähung, welche — wir wollen es liebevoll nehmen — großentheils aus gutem, wenn auch falsche Mittel ergreifendem, Streben entspringen. Immer aber ist es, so irrig es auch sein möge in der Wahl seiner Mittel, die sicherste Garantie einer regen Lebensthätigkeit, bewahrt vor der Versumpfung des Zndifferentismus, vor Stillstand und Rückschritt und führt am Ende gewiß zum Bessern. Darum aber ist der, welcher mit Worten schweigt, aber mit Thaten spricht, gewiß nicht als unthälig zu betrachten, und wenn unser Landrabbine auf die Herausforderungen so mancher anonymen Laternenanstecker nicht eingeht, so können wir das nur billigen. Wol ist es Pflicht eines Rabbinen, die Principien, nach denen er wirkt, zu vertheidigen und zur Begründung der guten Sache das Wort zu nehmen; aber muß das gerade in Erwiderungen auf seichte Beschuldigungen, deren Ungrund den ihm Näherstehenden sogleich ins Auge fällt, geschehen? — Gewähren denn — gestehen wir es uns offen — die von bittern Persönlichkeiten wimmelnden theologischen Katzbalgereien einen so angenehmen Anblick? Muß ein Seelsorger seine Würde einzubüßen nicht befürchten, wenn er, zum köstlichen Spaße der gleichgültigen und böswilligen Zuschauer, in die Arena tritt und sich mit jedem Unberufenen herumbalgt? Hat er nichts Besseres zu thun?— Darum pflichten wir unsrem Landrabbinen völlig bei, allen Znvectiven mit Stillschweigen zu begegnen, und sprechen zugleich die Hoffnung aus, daß er, eben weil er seine Kräfte nicht zersplittert und sich an der Tagespolemik noch keinen Ekel gegessen hat, später auch durch das öffentliche Wort um so segensreicher und nachhaltiger wirken wird. Der Wahrheit gemäß können wir versichern, daß unser Gottesdienst aufs schönste geordnet ist und den Erwartungen, zu welchen die architektonische Schönheit der Synagoge berechtigt, völlig entspricht. Mit Ruhe und Anstand verrichtet die Gemeinde die herkömmlichen Gebete, mit anzuerkennendem Fleiß« ist unser Vorsänger, Herr- Schwarz, bemüht, die Recitative würdig und angenehm vvrzutragen; erhebender Chorgesang tönt durch die heiligen Räume und — die sogenannten Alten laufen nicht davon, sondern erbauen sich besser, als mancher nicht so tolerante Neuerungssüchtige. Dem Herrn Hornthal, Gesang- und Musiklehrer an der hiesigen israelitischen Schule, gebührt hier ein besonderes Lob. Er hat den Chorgesang mit vieler Mühe und Aufopferung ins Leben gerufen und wirkt zur Hebung des Gottesdienstes unermüdet fort. Unter seiner Leitung werden bei passenden Gelegenheiten dann und wann schon großartigere Besänge ausgeführt und er sowol, als auch besonders Herr Kammermusikus P. Mosenthal haben die Partitur mit schönen Gesängen bereichert. Das Aus- und Einheben der Tora am Sabbat geschieht unter herzerhebendem Gesänge mit erschütternder Feierlichkeit. Einen Sabbat um den andern spricht der Herr Landrabbine in kräftigen, herzlichen Worten zu seiner Gemeinde, und wer in wahrhaft religiöser Absicht §ie Synagoge besucht, verläßt sie gewiß nicht, ohne so manches den irdischen Sinn verklärende, himmelanführende Moment gefunden zu haben. Ist nun zwar noch Manches der Verbesserung fähig, so dürfen wir deshalb dem bereits Geleisteten unsre Anerkennung nicht versagen. Ist das nicht das Loos alles .Irdischen, und sollen wir aus zu hastigem Ringen nach dem Bessern das Gute übergehen? — Wer unsre religiösen Zustände mit Unparteilichkeit zu würdigen versteht, der wird unsren Landrabbinen gewiß nicht der Stabilität zeihen, wer in den Annalenzer Geschichte auch nur geblättert hat, der wird, auch ohne den Montesquieu gelesen zu haben, ein allzu rasches Fortschreiten als zum jähen Rückfall führend nicht gut heißen, und wer einen Rabbinen verlangt, der mancher israelitischen Kaufleute Geschäftsthätigkeit am Tage des Herrn durch sein Wort sanctionire und sich über manche Gesetze des Judenthums hinaussetze, der weiß nicht, was er will.