Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 4 (1840)
- Issue
- Heft 24 (13.6.1840)
- Date
- 1840-06-13
- Page
- Seite 344 (sequence 8)
- Language
- German
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344 Messias erscheinen möge, der daS Panier des Rechtes erheben wird, unter dem allein Heil und Frieden erblühen kann. Was den Besten und Edelsten bisher nur als Ideal erschienen, wird dann zur schönem Wirklichkeit. Nach solcher Erlösung schmachten die Juden und erwarten mit Recht ihren Messias. Zerstreut auf dem ganzen Erdenrunde, waren sie überall und nirgend zu Hause; trugen aller Orten die Bürden des Tages, ohne des Glücks eines ruhigen Abends sich freuen zu dürfen; sie, die Niemandem eine Hufe Landes verkürzten, wurden von jeder Ruhestätte verbannt. Und warum? Weil sie von den tyrannischen Römern sich wol Freiheit und Vaterland, nicht aber der Vater Sitte und Tugend rauben ließen; weil sie sich nicht, nach der Willkühr eines Herrn, wollten an der Leine führen lassen; weil sie die erhabene Idee der Freiheit und die Hoffnung endlicher Erlösung in ihrem Busen zu bewahren und heilig zu achten wußten. — O, sonderbares Geschick: Aus eben dem Grunde, ^m dessen willen die Verständigen sie schätzten und hochachteten, wurden sie von den Unvernünftigen und Barbaren verfolgt. Ich kann nicht umhin, hier die Bemerkung zu machen, wie viel Aehnlichkeit zwischen den Juden und Ungarn aufzuft'nden sei: wenn auch der schroffen Gegensätze mehr sind, als der ganz gleichen Momente. Aus Asien stammen beide her; ja, eine auffallende Sprachahnlichkeit laßt auf irgend eine Verwandschaft oder doch Nachbarschaft schließen; das Mittelalter brachte beide nach Europa und nur, unter gleich heißen, bittern Kämpfen wird es ihnen möglich, sich hier zu erhalten. Aber hier verliert der Ungar nun jedes äußere Zeichen seiner asiatischen Abstammung, dem Juden bleiben seine Geschichte, seine Bücher, seine Sitten; der Ungar tritt als Nation und erobernd auf; huldigt aber nebenbei europäischer Cultur; der Jude schleicht vereinzelt ein; will nur Aufenthalt, aber dabei seine frommen Gebrauche und alten Gesetzrollen; der Ungar herrscht über Landgebiete; hebt ruhmvolle Könige auf seinen Thron, das Judenvolk lebt, zerstreut und ohne Oberhaupt; aber durch Thatigkeit und Ausdauer erringt es eine, fast furchtbare Macht und erzwingt sich auf diese Weise sein Vaterland an den Gestaden des Meeres, am Rhein und an der Donau. Der Ungar ist stolz auf sein Schwert und den eignen Acker; der Jude freut sich des Geldes und des Handels, auf den Er beschränkt wird, und nicht selten wird er mächtiger, denn jener. Endlich, nachdem sich beide Jahrhunderte lang feindselig gegenübergestanden, dämmert der Tag des Lichtes; sie erkennen das gegenseitig>wahrhafte Interesse und nennen sich Mitbürger. Und doch mag es nicht Wenige geben, die, für diese wahren Vortheile noch immer blind, ein solches zeitgemäßes Vorwärtsschreiten nur ungern sehn. Bevor ich daran gehe, diesen Herren zu beweisen, wie nothwendig und Heiljam der zu thuende Schritt sei, will ich prüfende Blicke auf den ehemaligen Zustand der Juden an und für sich und km Derhältnkß zu dem, der andern Nationen, werfen. Die Unterdrückung der Juden war, ohne Zweifel, die größte Ungerechtigkeit. Jeder Mensch ist ein Kind der Erde und keinem Andern steht das Recht zu, seinem Nächsten dieses angebornen, natürlichen Rechtes zu berauben. Die Geburt gibt das unveräußerliche Recht zu leben, und zwar dort zu leben, wo er geboren ward, und so muß denn ein Jeder, weit er ein Geburtsland, auch ein Vaterland haben; ein Vaterland, das auf den Einzelnen Rechte, über ihn Macht, aber auch Pflichten gegen ihn hat. Allein alle diese Verhältnisse betreffen mehr den äußern, als den in ne rn Menschen. Das Vaterland kann Handlungen anordnen oder verbieten: aber die innere Ueberzeugung, das geistige Leben liegt außer den Schranken aller äußerer Gewalt. Nur die Erziehung hat auf sie einen Einfluß. Dem zu Folge fallt der Glaube und dessen Offenbarung außer dem Gebiete der bürgerlichen Gesetze und tritt in dies nur dort ein, wo er zu Handlungen wird und als solche mit den Handlungen,'Rechten und* Pflichten Anderer in Berührung kömmt. Wer wird aiso nicht die Verweisung, Beschimpfung und böswillige Verfolgung der Juden, dke sie um ihres Glaubens willen zu ertragen hatten, eine Ungerechtigkeit nennen, die weder vor dem Richterstuhle der Vernunft, noch dem des Herzens verantwortet werden kann. Und das Schicksal hat sie gerächt. Die Rückwirkung für die Unterdrücker blieb nicht aus und war schmerzhaft. Die menschliche Gesellschaft, besonders der bürge^lichD? Verein bedarf der Hände, der Thatigkeit; — ist es da nicht Unsinn, schädliche Thorheit, Hände zu fesseln?! Oder glaubt Ihr, da ein müßiget Mensch das Land nicht stürzen, ein thatiger seinen Flor nicht heben kann: würden hundert Tausende es auch nicht können?? Oder glaubt Ihr, daß die erzwungene Arbeit segensreicher sein werde? Lachen würdet Ihr, wenn Jemand forderte, daß die Söhne des Homers und Sokrates Dichter und Weise werden, oder die Kinder der Astronomen wieder Sterngucker sein sollten! Aber das scheint Euch vernünftig, daß eine Masse Menschen, sammt Kindern und Enkeln, blos Kaufmannschaft treibe!! Der Ochs und das Pferd arbeiten im gewohnten Zuge und Joche; müssen's, weit sie sonst gar nichts könnten; der Mensch aber entwickle die ihm gegebene Fähigkeit frei und nach Willkühr und wende sie, zum Wohte Anderer, aller Orten, aller Wege an. Wer sagt denn, daß der Jude nur ein guter Handelsmann sein könne; oder, daß er zu etwas Anderm kein Talent besitze? Nimmt die Natur, wenn sie Geistesgaben vertheilt, auf Glaubensverschiedenheit Rücksicht? Ich habe unter den Juden so schlechte Kaufleute gefunden, daß sie wahrscheinlich tüchtigere Aerzte, Geometer, Rechtsgelehrte oder Feldherrn geworden wären. Und so denke ich auch von manchem christlichen Arzte, Gelehrten und Krieger, daß er ein viel beoentene deres kaufmännisches Talent besitze.