Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 4 (1840)
- Issue
- Heft 24 (13.6.1840)
- Date
- 1840-06-13
- Page
- Seite 343 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3224737-3225119-3225144--02774-3312274- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
543 Literarische Nachrichten. Preßburg, 15. Mar. (Privatmitth.) Em talentvoller ungarischer Literat, L. Mor. Bloch, hat, auf Aufforderung mehrerer Religionsgenossen und Christen, bei Gelegenheit der heutigen Reichstagsverhandlungen zu Preßburg über die Emancipationsfcage einen in der Landessprache geschriebenen, ungemein kraftvollen, von der Nation höchst beifällig aufgenommenen Aufruf erlaffen, dem, in gedrängter Kürze, die wichtigsten Momente aus der Cultur und Profangeschichte unsrer Nation beigefügt sind. Au diesen interessanten Umrissen schrieb H. Peter Vajda, einer der ersten ungarischen Literaten christlichen Glaubens, eine Vorrede, auf die ich Ihre Aufmerksamkeit hinzulenken mir erlaube. — Denn, bei der Unbekanntschast des Auslandes mit der ungarischen Literatur läßt sich vermuthen, daß diese Brochure wot nicht die Granzen ihres Heimatlandes überschreiten werde; ja, es steht zu glauben, daß dieses Merkchen selbst einem großen Theile der ungarischen Juden — aus Mangel an Sprachkenntniß — unbekannt bleiben werde; was um so mehr zu bedauern ist, als eben diese Blatter — zum mindesten das berührte „Vorwort" als der Ausdruck der Gesinnung anzusehen sind, welche der gebildete und hochherzige Magyare in dieser so wichtigen Angelegenheit eines Theiles der Menschheit hegt: in der Emancipationsfrage!— Darum halte ich es sowol für das Ausland, als auch für die ungarischen Israeliten für sehr wünschenswerth, in diesen vietgelesenen Blattern die heilsamen Rathschläge zu vernehmen, die H. Vajda in jenem Vorworte gibt. Ich weiß wol, die Ideen, die hier vorgebracht werden, sind nicht neu, nicht originell; es wird hier beinahe dasselbe wiederholt, was aller Orten, aller Zeiten die Freunde der Menschheit, die Freunde der Wahrheit schon hundertmal-tauben Ohren gepredigt haben. Was aber sollte, was könnte Neues gesagt werden? Zst die Wahrheit am Strande der Donau eine andre als die an den Ufern der Seine, als die am Gestade der Themse? Was könnte Neues gesagt werden über einen Gegenstand, der durch ein Jahrhundert schon, nach allen Seiten, in allen Beziehungen, Verhältnissen und Einzelnheiten ist untersucht, erforscht und dargelegt worden?! — Aber, daß diese noch so unglaublichen alten Wahrheiten gesagt werden, gesagt in dem Lande, frei, unverhohlen, in dem Tone der Warme, der Hingebung und Ueberzeugung: das schien mir der Beachtung und Kundgebung werth. Bevor ich schließe, will ich Ihnen noch eine Nachricht mittheilen, die das Interesse aller unsrer Glaubensgenossen in Ungarn in hohem Grade verdient. Bekanntlich ist die Aufcechthaltung der Nationalität, vorzüglich durch Wiederbelebung der Landessprache, das Hauptaugenmerk der Ungarn, gegenwärtig. Nichts als billig ist es demnach, wenn sie von den Juden, als Pfand und Zeichen ihrer aufrichtigen Gesinnung und des zeitgemäßen Eingehens in die Nationalinteressen verlangen: selbe mögen sich der Landessprache befleißigen, — ja, durchaus bedienen. Andrerseits ist das Streben der Juden, dieser Forderung nachzukommen, ein thatsächliches und sehr lobenswerthes. Um nun den Israeliten die Mittel an die Hand zu-geben, schon der zarten Jugend, bei dem ersten Unterrichte, den sie genießt, die Klange der Muttersprache mit einzuprägen, und so schon frühzeitig das Nationalband um sie zu schlingen, unternimmt es eben der Verfasser des obberührten Merkchens (ein Mgnn nicht minder der neuern, als der alten Sprachen, des Talmuds und der rabbinischen Literatur mächtig) für jetzt den Pentateuch, und, im Falle einer günstigen Aufnahme und gehörigen Unterstützung die ganze Heilige Schrift in's Ungarische zu übersetzen. Der Verfasser, der gegenwärtig' in Pesth lebt und die Arbeit bereits begonnen, will das Werk auf dem Wege der Subscription, lieferungsweise erscheinen lassen. Wahrlich ein schönes, glückliches, zeitgemäßes Unternehmen, zu dessen Ausführung wir dem Vers. Alles Glück wünschen. Von welch' wohlthätigen, heilbringenden, segenvollen Folgen kann die glückliche Lösung dieser Aufgabe begleitet sein! Die ungarischen Juden, vielleicht Ungarn überhaupt besitzt kein ähnliches Unternehmen: und doch sind es die Bibelübersetzungen, die die Keime der edlem Herzensbildung und mit ihr die schönere Morgenröthe der Menschheit geweckt haben.-Aber auch in politisch-nationaler Beziehung scheint dies Unternehmen der besondern Beachtung werth. Die Nation ersehe daraus, wie bereitwillig der Jude ihren Wünschen und Forderungen, im Interesse des Gemeinwohls, nachzukommen strebt, indem er den heiligsten und ersten Unterricht in der National- Sprache beginnen läßt; und dadurch eben wird auch den Juden Gelegenheit gegeben, den regen Gemeinsinn aufs Neue zu bewähren und dem tief gefühlten Bedürfnisse eines solchen Werkes abzuhelftn. — Wir glauben keinen Fehlschluß zu thun, wenn wir hier die Ueberzeugung ausspcechen, daß, bei dem Edelsinne unsrer Glaubensgenossen in Ungarn, ein so schönes Unternehmen, durch lebhafte und liebevolle Unterstützung zur glücklichsten Lösung gedeihen werde, und daß nicht das edle Wollen der Einen an der Engherzigkeit der Andern scheitern dürfe; d. h. um recht positiv zu sprechen, daß zahlreiche Subscriptionen den Verfasser in den Stand setzen werden, das begonnene Werk zu Ende zu führen. (Vorwort des Herrn Vajda.) Ich schätze mich glücklich vorliegendes Merkchen über die Emancipation der Juden in Ungarn — auf Veranlassung des gesch. H. Verfassers, meines Freundes — mit einigen Bemerkungen eröffnen zu dürfen, Lange schon und lebhaft regt sich in der Brust eines jeden Gebildeten und Menschenfreundes der edle Wunsch, daß die Schranken, welche um einen Theil unsrer Brüder gezogen sind, fallen mögen; daß der einzig rechtmäßige Zustand der Gleichheit alle Kinder der Erde beglücken und so symbolisch jener