Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 4 (1840)
- Issue
- Heft 23 (6.6.1840)
- Date
- 1840-06-06
- Page
- Seite 334 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3224737-3225119-3225143--02764-3312263- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
334 für sie noch neue Elementarschulen angelegt werden. Denn da die hebräische Sprache und Bibelübersetzung aus dem Urtexte bereits zweimal von den Juden selbst aus den jüdischen Elementarschulen verdrängt worden sind, und in denselben blos Polnisch, Deutsch, rechnen und Kalligraphie gelehrt wird, was man Ln den Christlichen Elementarschulen auch erlernen kann, so siehet man höhren Orts nicht ein, wozu besondere Schulen für Israeliten anzulegen waren, da sie ihre Kinder in die Christlichen schicken können. — Sonderbar muß einem jeden Sachkundigen der Vorwurf Vorkommen, den Herr vr. I. B. den Zöglingen der Rabbinerschule macht, daß diese lieber in Warschau bleiben, wenn sie die Schule beendigt haben, und nicht Elementarschulen Ln der Provinz anlegen. Denn erstens giebt es in der Provinz keine jüdische Elementarschulen, und es ist auch nicht zu erwarten daß so bald solche angelegt werden, es sei denn daß viele Gebildete zusammentretm und der Regierung die List der Obscuranten erweisen, zugleich aber auch die Nothwendkgkeit der Wiedereinführung der Hebräischen Sprache und der Bibelübersetzung in die jüdischen Elementarschulen darthun, welches sich bei der Lauigkeit der meisten hiesigen Gebildeten für jüdisches Interesse und ihrer strengen Beobachtung von Convenienz und Rücksichten für Familienverhaltnisse nicht leicht hoffen läßt.— Winkelschulen ohne Wissen der Regierung wird kein nur einigermaßen Gebildeter anlegen, dieses ist das ausschließliche Privilegium der Talmudlehrer (trnBbtt)* — Zweitens. Fühlen die Israeliten in der Provinz noch weniger als die in Warschau wohnenden das Bedürfnkß Schulen anzulegen. Findet sich zuweilen Einer, so ist es ihm zu kostspielig, allein einen Lehrer zu unterhalten. — Endlich Drittens. Ist es der größte Beweis, wie nöthig die Zöglinge der Rabbinerschule hier in Warschau sein müssen, wo 40,000 Juden wohnen, da doch beinah alle ein sehr gutes Unterkommen fanden. — Nun etwas über die innere Einrichtung der Rabbinerschule, über das Personal und dessen Leistungen. — Die Schule hat außer 5 Klassen eine Vorbereitende, in der die ganz unwissenden Zöglinge erst das Lesen und Schreiben erlernen. In einer jeden Klasse dauert der Cursus ein Jahr. Die Gegenstände, die hier unterrichtet werden, sind Folgende: 1. Religion, nach dem Catechismus des Herrn A. Büchner; 2. Bibelübersetzung, so daß man in 5 Jahren alle Bücher durchgeht; 3. Hebräische Sprache im ausgedehntesten Sinne und Literatur; 4. Polnische Sprache und Literatur; 5. Russische Sprache und Literatur, anstatt der früher gelehrten französischen Sprache; - 6. Deutsche Sprache und Literatur; 7. Die Landesgeschichte, die der Israeliten.und allgemeine Geschichte; 8. Geographie, die Neuere und die des Alterthums; 9. Mathematik; 10. Zoologie in der ersten und zweiten Klasse; 11. Botanik in der ersten und-dritten Klasse; 12. Physik in der ersten und vierten Klasse; 13. Chemie \ 14. Mineralogie (in bet fünften Klasse*>); 15. Mathematische Geographie) 16. Calligraphie. — Alle diese Gegenstände nehmen die vier Vormittagsstunden ein. 17. Talmud. Dieser Gegenstand beschäftigt die Schüler täglich, mit Ausnahme Freitags, den Nachmittag von 2 bis 4 Uhr und wird in allen 5 Classen zugleich vorgetragen, daher auck zu diesem Unterrichte besondere 5 Lehrer angestellt sind. Viele Schüler, die das Institut besuchen, kommen mit sehe großen Kenntnissen des Talmuds vom Hause aus in die Schule, und diese allein sind die späterhin zum Rabbrnate Fähigen. — 18. Seit einigen Wochen ist mit Bewilligung der Regierung, auf Kosten einiger Privatleute das Singen in der Rabbinerschute eingeführt. Es haben sich bis jetzt 92 Zöglinge freiwillig dazu gemeldet und nehmen an diesem Unterrichte Theit. Nach der kurzen Dauer und den sich zeigenden Fähigkeiten der Schüler zu urtheilen, haben wir ein schönes und zahlreiches Chor zu erwarten. Das Lehrerpersonal bestehet aus 1 Schulvorstand, 9 Oberlehrern, nämlich 4 Jüdischen und 5 Christlichen Glaubens und 7 Collaboratoren. Letztere alle uud einer der Erstem sind Zöglinge der Rabbknerschule. Die Meisten dieser Lehrer haben sich in wissenschaftlicher Hinsicht *) Die Klassen werden hier anders als in Deutschland gezählt, nämlich hier ist die erste die unterste, die fünfte die höchste.