Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 4 (1840)
- Issue
- Heft 23 (6.6.1840)
- Date
- 1840-06-06
- Page
- Seite 326 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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326 innert. Wahrend wir in Europa die Mahrchen desselben als poetischen Stoff bearbeiten und uns an jenen schauerlich naiven Sagen ergötzen, womit unsere Vorfahren sich nicht wenig ängstigten; während bei uns nur noch in Gedichten und Romanen von jenen Hexen, Wehrwölfen und Juden die Rede ist, die zu ihrem Satansdienst das Blut frommer Christenkinder nöthig haben; während wir lachen und vergessen, fängt man an im Morgenlande sich sehr betrübsam des alten Aberglaubens zu erinnern und gar ernsthafte Gesichter zu schneiden, Gesichter des düstersten Grimms und der verzweifelnden Todesqual: der Henker foltert und der Jude gesteht, daß er, bei dem herannahenden Paschafeste etwas Christcnblut brauchte zum Eintunken für seine trockenen Osterbröde, und daß er zu diesem Behufe einen alten Capucincr abgeschlachtet habe! Der Türke ist dumm und schnöde und stellt gern seine Bastonnaden- und Torturapparate zur Verfügung der Christen gegen die angeklagten Juden; denn beide Secten sind ihm verhaßt, er betrachtet sie beide wie Hunde, er nennt sie auch mit diesem Ehrennamen, und er freut sich gewiß, wenn der christliche Giaur ihm Gelegenheit gibt, mit einigem Anschein von Recht den jüdischen Giaur zu mißhandeln. Wartet nur, wenn es mal des Pascha's Vortheil sein wird und er nicht mehr den bewaffneten Einfluß der Europäer zu fürchten braucht, wird er auch dem beschnittenen Hunde Gehör schenken, und dieser wird unsere christlichen Brüder anklagen, Gott weiß wessen! Heute Amboß, morgen Hammer! — Aber für den Freund der Menschheit wird dergleichen immer ein Herzleid sein. Erscheinungen dieser Art sind ein Unglück, dessen Folgen unberechenbar. Der Fanatismus ist ein anstekkendes Uebel, das sich unter den verschiedensten Formen verbreitet, und am Ende gegen uns alle wüthet. Der französische Consul in Damaskus, der Graf Ratti- Menton, hat sich Dinge zu Schulden kommen lassen, die hier einen allgemeinen Schrei des Entsetzens erregten. Er ist es, welcher den occidentalischen Aberglauben dem Orient einimpfte, und unter dem Pöbel von Damaskus eine Schrift austheilte, worin die Juden des Christenmords bezichtigt werdest. Diese haßschnaufende Schrift, die der Graf Menton von seinen geistlichen Freunden zum Behufe der Verbreitung empfangen hatte, ist ursprünglich der Bibliotbeca prompt» a Lucio Ferrariö entlehnt, und es wird darin ganz bestimmt behauptet, daß die Juden zur Feier ihres Paschafestes des Blutes der Christen bedürften. Der edle Graf hütete sich, die damit verbundene Sage des Mittelalters zu wiederholen, daß nämlich die Juden zu demselben Zwecke auch consacrirte Hostien stehlen und mit Nadeln so lange stechen, bis das Blut herausfließe — eine Unthat, die im Mittelalter nicht bloß durch beeidigte Zeugenaussagen, sondern auch dadurch ans Tageslicht gekommen, daß über dem Judenhause, worin eine jener gestohlenen Hostien gekreuzigt worden, sich «in lichter Schein verbreitete. Nein, die Ungläubigen, die Mohammedaner, hätten dergleichen nimmermehr geglaubt, und der Graf Menton mußte, im Interesse seiner Sendung, zu weniger mirakulösen Historien seine Zuflucht nehmen. Ich sage im Interesse seiner Sendung, und überlasse diese Worte dem weitesten Nachdenken. Der Hr. Graf ist erst seit kurzer Zeit in Damaskus; vor sechs Monaten sah man ihn hier in Paris, der Werkstatte aller progressiven, aber auch aller retrograden Verbrüderungen. — Der hiesige Minister der auswärtigen Angelegenheiten, Hr. Thiers, der sich jüngst nicht bloß als Mann der Humanität, sondern sogar als Sohn der Revolution geltend zu machen suchte, offenbart bei Gelegenheit der Damascener Vorgänge eine befremdliche Lauheit. Nach dem heutigen Moniteur soll bereits ein Viceconsul nach Damaskus abgegangen sein, um das Betragen des dortigen französischen Consuls zu untersuchen. Ein Viceconsul! Gewiß eine untergeordnete Person aus einer nachbarlichen Landschaft, ohne Namen und ohne Bürgschaft parteiloser Unabhängigkeit!" Eine Correspondenz in der Leipz. Mg. Zeit, wollte die Berichte des österreich. Konsuls, H. Murlato, verdächtigen, weil er ein Jude sei. Diesem wird aber gänzlich widersprochen! Malta. London, 9. Mai. Briefe aus Malta melden, wie der Morning Herald sagt, daß daselbst alle christliche Dienstboten der Juden auf das Geheiß der Geistlichen ihren Dienst verlassen hätten. Frankreich. Paris, II. Mai. (Augsb. Mg. Zeit.) Vor einiger Zeit sprachen die hiesigen Blätter von einem