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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1840-05-30 · Heft 22 (30.5.1840) · p. Seite 523

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
4 (1840)
Issue
Heft 22 (30.5.1840)
Date
1840-05-30
Page
Seite 523 (sequence 15)
Language
German
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523 ganz auf die im Fluge erhaschte moderne Bildung zurückschauen auf die Vergangenheit mit unbeschrankter Verachtung, welche, wie es in diesen Blattern schon mehrere Male ausgedrückt worden, sich nicht scheuen, die ersten zu sein, die auf die Gräber ihrer Väter Steine werfen. Solcher jüdischen Eisenmenger giebt es jetzt Viele. Ist mir schon an und für sich keine Bildung von großem Werthe, welche nicht selbst historisch durchgebildet ist, ist selbst eine philosophische Bildung, ohne historischen Unterbau, nur eine sehr schwankende: wie viel mehr eine solche exklusive, gesellschaftliche Politur. Es ist das ein leuchtendes Zeugniß der Menschheit, daß bei großen Vorurtheilen, bei vieler geistigen Beschränktheit dennoch große Tugend und viel Einsicht bestehen könne, und diejenigen nun, welche die letzteren verkennen und verwerfen, weil sie in unscheinbares Gewand gehüllt waren, bezeugen, daß sie eben auch noch Vorurtheilen unterworfen und geistig beschränkt sind. Bei der tiefsten materiellen Benachthciligung lebten die alten Juden einem geistigen Prinzips, bei der demüthigendstcn Schmach bewahrten sie einen hohen Stolz auf den innern Werth ihres Glaubens, bei den schmerzlichsten Verwundungen von außen erhielten sie sich ein übcrlaufendes Maaß von Liebe und Gemüthlichkeit, wenn auch, immer zurückgewicsen in ihren eigenen Kreis, diese meist innerhalb ihres Kreises. Fraget doch, wo irgend ein Sklavenvolk je gelebt, das dennoch auf Büchern, d. h. auf Gedanken und Geistesprodukten existirte? das, anstatt immer tiefer und tiefer zu sinken, sich immer noch eine hohe eigene Geisteswelt des Himmels in die engen vier Wände seiner Erde hineinbauete? Und wenn Euch alles dies Nichts gilt, woher habt Ihr denn die Kraft genommen, die Errungnisse von Jahrtausenden sich in Jahrzehenden anzueignen, wenn nicht aus dem Geistesfond, den Eure Vater zu bewahren und zu überliefern verstanden? Aber die Undankbarkeit der Kinder gegen die Väter ist die empörendste! Wenn man oft unbärtige Jünglinge über die alten Bärte ihrer Großväter urthcilen hört, weil sie unsrisirt und unrasirt gewesen, sollte man wahrlich den Lenker der Geschichte fragen, warum er die Vorfahren so dumm gelassen, und die junge Gegenwart so klug gemacht? Dieser jungen Gegenwart, ihr Küchlein, gehört Schreiber Dieses auch an, er hat die alten Geschlechter kaum gekannt, aber er hat ein Herz für sie, und weil er einst als Knabe an der Hand eines Großvaters gewandelt, der ein Heros an Tugend, Barmherzigkeit und Milde gewesen, will er dessen Grab und Angedenken vor Eurem Schmutze bewahren. Der Herr hat Erkenntniß und Recht durch alle Zeiten gestreut, keines Zeitalters Menschen entbehren des Herzens und des Verstandes, der Blüthe und Frucht; aber Er läßt sie wachsen auf einander und aus einander, und wenn nun eine Folgezeit ihren Gipfel höher streckt und ihr Gezweige weiter dehnt, so vergesse sie nimmer, daß sie nur aus einem Stamme wachse, den eine frühere Zeit getrieben. Jene Juden vergessen das! Es ist eigen, daß, je weiter ich in der Aussprache einzelner Bemerkungen in diesen Aphorismen schreite, desto öfter meine Worte sich gegen die so genannten „Modernen" richten. Es kömmt dies aber lediglich daher, weil es, meinem Bedünken nach, gegen die „Alten" zu kämpfen, -mir ziemlich ein Don Quixotekamps scheinet. Die Zeit kämpft so gründlich gegen diese, sie entzieht ihnen so rasend und rasch ganze Geschlechter in einem Jahrzehend, daß ihre Reihen viel zu schnell sich von selbsten lichten. Wir müssen daher rüstiger gegen die „Modernen" zu Felde ziehen, um was aus ihnen zu machen. Denn oaS ist, eben das Leidige, daß noch so wenig aus diesen geworden. Zur Sache. Es ist offenbar, daß die Modernen, wie wir sie nun einmal nennen, jetzt der Synagogenreform viel hinderlicher sind, als die Alten. Und warum? Weil jene theils aus Prinzip, theils aus Bequemlichkeit alle Form über Bord werfen, und dix Synagoge sich ihrer Unterstützung auf keine Weise zu erfreuen hat, sie mag bleiben oder gehen wollen. Ich kenne Orte, wo die Synagogenreform längst dnrchgeführt wäre, wenn — die Modernen wollten, aber sie wollen nicht, weil sie Nichts wollen. Für wen soll reformirt werden, da sie weder den refvrmirten noch dm nichtreformirten Gottesdienst besuchen? Sie warfen alle Form über Bord theils aus

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