Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 4 (1840)
- Issue
- Heft 21 (23.5.1840)
- Date
- 1840-05-23
- Page
- Seite 305 (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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505 ter eingezogen, und ihre Häuser zerstört. Wan verfuhr hierbei mit einer Unmenschlichkeit, wovon die Geschichte wirklich arm an Beispielen ist: und die Furcht vor der Vergiftung des Brunnenwassers war so allgemein, daß man an vielen Orten bloßRegen- und Flußwaffer trank. Auffallend war es hierbei, daß überall diese Verfolgung von der untersten Hefe des Pöbels ausging und daß die Obrigkeiten auf alle Art und Weise die Wuth der rohen Volksmaffe zu besänftigen suchten, allein fast nirgends ihren Zweck erreichten. Man braucht wol nicht für sehr ungläubig gehalten zu werden, wenn man diese ganze Beschuldigung für ein Gewebe des National- Haffes und der Dummheit ansieht und es stimmen die unterrichtetsten Schriftsteller selbst jener Zeit überein, daß die Juden ganz unschuldig gewesen. Man begreift sehr leicht, daß eine Krankheit, wie die Pest, deren Ursprung aus China man mit Bestimmtheit angeben konnte, gewiß nicht aus einer Vergiftung der Brunnen, welche doch nicht an allen Orten geschehen konnte, abzuleiten war. Ueberdies bedienten sich ja die Juden derselben Trinkwasser', wie die Christen, und^würden sich also ihren eigenen Untergang auf gleiche Art bereitet haben (Iritlurm. annal. Hirsaug. Vol. II. j>. 206). Wenn wir in der Folge von gerichtlichen Aussagen Nachricht finden, Kraft deren die Juden sich selbst für schuldig erklärten, und alle Umstände angaben, so muß man dies zum Theil auf Rechnung der Tortur schreiben, die wol ein falsches,Bekennrniß auszupressen im Stande war, und zum Theil muß man sich an die Hexen. Proceffe erinnern, in welchen auch bekannt wurde, was doch unmöglich geschehen konnte. Auch der berühmte Arzt Chauliac hält die Juden für unschuldig; er erzählt, daß der Verdacht so allgemein auf diese Nation gefallen, daß-man an vielen Orten die Thore der Städte sorgfältig bewacht, und Jeden, der hinein wollte, genau untersuchthabe, -ob er auch Gifte bei sich führe. In Avignon hatten indeß die Juden eine-große Stütze an Papst Clemens VI., der in der ganzen Christenheit sie sichern konnte, wenn die Wurh des rohen Volkes hier nicht mehr vermocht hatte, als alle Bullen des Papstes. Clemens, ein für sein Zeitalter aufgeklärter und sehr wohlwollender Mann, gab im Junius 13L0 die erste, und im September des Jahres die zweite Bulle für die Juden. In der letzter» spricht er sie insbesondre von jener Beschuldigung ganz frei, und ermahnt all> Christen, sich der Grausamkeit gegen ein Volk zr enthalten, welches in dieser Rücksicht sganz unschuldig sei. In Königshovens Elsassischer und Straßburgischer Chronik kommt eine sehr umständliche Erzählung von allen bissen Begebenheiten vor, wobei zugleich die Acten der darüber geführten Processe vorgelegt werden. In etlichen Städten, sagt diese Chronik (S. 296), verbrannte man die Juden mit, in andern ohne Urtheil. Auch findet man einen Brief der Stadt Köln an die Stadt Straßdurg, worin sie sich Auskunft über die Beschuldigung ausbittet; da sie gehört hätten, daß die Stadt Belm dem Magistrat in Straßburg Nachricht davon gegeben. Ein anderer Brief der Stadt Köln vom 12. Januar 1349, worin der Magistrat bekennt, er glaube, die Juden seien unschuldig: allein er wünsche doch zu erfahren, wie dem tollen Volkshaufen zu widerstehen sei. Drei Briefe von den Städten Basel!, Schlettstädt und Zehringen geben überdies Nachricht von den wiederholten Aussagen der Juden, daß sie wirklich die Vergiftung der Brunnen vorgenommcn hätten. Dann folgt ein umständlicher Bericht des Kastellans zu Chillon am Genfer See, und eine Copie des dort geführten Proceffes gegen die Juden, worin es die letztern nicht allein aussagen, das Lrinkwasser vergiftet zu haben, sondern wo man selbst das Gift noch, in Beuteln genäht, in den Brunnen gefunden haben will — ein Beweis, wie leicht man damals fand, was man suchte. Was es für Gift wäre, ist nirgends angegeben. An manchen Orten breitete man aus, die Juden hätten die Aschesverbrannter giftiger Thiere in die Brunnen geworfen und dieselben dadurch vergiftet;, ein Vorgeben, dessen Falschheit schon die Natur der Sache lehrte, denn die Asche aller giftigen Schlangen der Welt ist nicht im Stande eine Maus zu vergiften. Hin und wieder war es gar auffallend, welche Absicht man bei dieser Verfolgung der Juden erreichen wollte. Eine alte Chronik sagt, man wollte sich ihrer Reichthümer bemächtigen, und ihre Häuser sich zueignen, wenn dies nicht die Fürsten thaten, so that es der Pöbel. Die Juden wußten dies und geriethen dadurch im solche Verzweiflung, daß sie sich zu Hunderten, mit Weib und Kindern und allen Habseligkeiten, in ihre