Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 4 (1840)
- Issue
- Heft 18 (2.5.1840)
- Date
- 1840-05-02
- Page
- Seite 257 (sequence 9)
- Language
- German
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257 theilslos verhandelt. Einer einzigen Ständesitzung bedurfte es, einer einzigen Sitzung der Magnaten, und das große Wort der Befreiung, die Anerkennung der Israeliten als Söhne des Vaterlandes war ausgesprochen, während in den deutschen Kammern über die geringste Bewilligung oft Monate lang disputirt wird. Man vergleiche die Verhandlungen in Sachsen, in Hannover, kostete dort nicht ein Gesetz, welches der größte Judenfeind hatte annehmen können, besonders in den untern Kammern, die langwierigsten Debatten. Wie anders in Ungarn. Bei der am 24. März abgehaltenen Ständesitzung waren nur wenig Opponenten gegen die beiden Artikel und der Ruf (maradjvn, es bleibe!) antwortete allgemein. Die Verhandlung der Magnaten überschicke ich Ihnen hiermit. Möge ganz Europa sehen, wie edel ein ungr. Magnat, vielleicht der reichste Mann in Europa, spricht, mögen die protestantischen Bischöfe Englands einen katholischen Bischof in Ungarn reden hören und von ihm Freisinnigkeit lernen. Möge Deutschland mit seiner Gelehrsamkeit, seiner Bildung das als roh verschriene Ungarn achten und verehren lernen, und seine Toleranz nachahmen! Graf Zay. Für die Befreiung der Juden von den durch blinden religiösen Eifer ihnen angelegten Ketten, für die Verleihung der bürgerl. Rechte an dieselben zu kämpfen, ist eine der heiligsten Pflichten der Helden des Fortschreitens und der Duldsamkeit, dieß durchzusetzen, ist eine ihrer höchsten Aufgaben. Durch die Unterdrückung dieses verwaisten Volkes, durch die Ausschließung desselben aus allen bürgerl. Rechten wurden die ewigen Gebote der Nächstenliebe, der allgemeinen Rechte der Menschheit verhöhnt, und in ihren tiefsten Grundfesten erschüttert. Auch hier mußte der heil. Name der Religion als Vorwand zu den gräßlichsten Thaten und zur Bemäntlung jenes Verfahrens dienen, wodurch eine ganze Nation aller bürgerl., ja aller menschl. Rechte unwürdig erklärt worden, ohne daß denselben die menschl. und bürgerl. Pflichten erlassen waren. Wie aber bei der Auflösung anderer Hauptfragen, so werden auch bei der Verhandlung dieser Streitsache mehrere Gegeneinwendungen ausgestellt, unter denen die folgenden besondere Aufmerksamkeit verdienen. 1. Daß die mosaische Religion nicht mehr in der ursprünglichen, den Staatsverfassungen angemessenen Form bestehe, sondern durch spätere, dem Endzweck aller Staaten widerstreitende neue Lehren umgestaltet fei. Aber alle diele Veränderungen betreffen nur den äußeren Gottesdienst und sind somit nicht wesentlich, die aufgeklärten Klassen des Judenthums bemühen sich, diese verderbten Auswüchse auszurotten. Der Grund der jüd. Religion ist wie vor Zeiten so auch gegenwärtig das alte Testament, dessen gesetzwidrigen Ncbensprossen gewiß verdorren werden; diese sophistischen Lehren an deren unschuldigen Bekennern rächen zu wollen, wäre eben so, viel, als die christl. Religion wegen Inquisition, unmenschliche Verfolgungen der Ketzer und Ausschweifungen der Religionswuth verantwortlich zu machen. Ferner wird vorgeworfen, daß die Juden durch ihre Lebens- und Denkungsart von den übrigen Religionsparteien, von denen sie sich freiwillig trennen, sehr verschieden seien, ja es wird sogar behauptet, daß sie der Christen Erb- und geschworene Feinde wären. Aber, wage ich zu fragen, kann es denn auch anders sein? Wenn ein Jude, der mit der reinsten Nächstenliebe sich seinem Mitmenschen nähert, als eine unreine befleckte Kreatur zurückgcstoßen wird? Wie kann man von dem gepeinigten'Sklaven fordern, daß er seinen Tyrannen liebe? ES wird auch behauptet, daß die Juden unablässig über Betrügereien brüten, daß Geiz und schlaue Hinterlist Hauptzweck und Hauptaufgabe ihres Lebens sei? Aber wenn es auch so wäre, so sind sie durch die tyrannischen,Verordnungen hiezu gezwungen. Ausgeschlossen von der Bearbeitung der lieben Mutter Erde, von der Betreibung nützlicher Handwerke und Künste das Leben zu fristen, ist ihnen fast nur der einzige Weg des Handels übrig geblieben. Hier durch Gewinn gelockt, sich vom Pfade des Rechtes nicht zu verirren, dazu gehört eine unerschütterlich reine Seele, die nicht einem jeden Sterblichen gegeben ist, und somit ist es, wenn mehrere von ihnen von dem Rechte abweichen, mehr der menschlichen Gebrechlichkeit zuzuschreiben. Es wird auch gesagt, daß die Juden nach Verleihung der bürgerl. Rechte unser Vaterland überfluthen und unsere Constitutions-Verfassung geistig und materiell gefährden möchten. Geistig, weil sie mit den übrigen Einwohnern deutschen Ursprungs in unmittelbarer Berührung stehend, mit denselben sich verbinden und unfern erst erwachten Nationalsinn vernichten werden, ferner geistig darum, weil durch sie die Mittel der Willkühr sich vermehren; ma- 18°