Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1840-05-02 · Heft 18 (2.5.1840) · p. Seite 254

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
4 (1840)
Issue
Heft 18 (2.5.1840)
Date
1840-05-02
Page
Seite 254 (sequence 6)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3224737-3225119-3225138--02679-3312173
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

254 Türkei. Serres in Makedonien, 22. März. (Privatmitth.)ö) Unter den Israeliten des nördlichen Europa's herrscht die Meinung, die Juden befänden sich in der Türkei unter dem drückenden Joche eines unerträglichen Despotismus, ihre bürgerlichen Freiheiten wären äußerst beschränkt. — Ich habe bei persönlichem Aufenthalte in Konstantinopel glücklicher Weise Gelegenheit gehabt, mich zu überzeugen, welche humane Gesinnung unser allerhöchster Herrscher, der Sultan, gegen die israelitischen Unterthanen seines Reiches hegt. Dafür folgenden Beweis. Am 5. Juli 1839 war ich im Palais des Finanz-Ministers, Sr. Excellenz Sal'd Pascha's, Schwagers des jetzt regierenden Sultans, und fand zur ungewöhnlichen Zeit den Dragoman des Ministers ungemein beschäftigt. Als ich mir deshalb eine Frage erlaubte, zeigte er mir einen Vorschlag, den man an die hohe Pforte überreicht hatte, um sie zu bewegen, von den Juden, die in vielen Staaten Europa's für ihre bloße Duldung unter sehr beschränktem Genüsse bürgerlicher Freiheiten mit sehr drückenden Steuern, den sogenannten Judensteuern, belastet werden, wohingegen diese Nation in den ottomanischen Staaten der vollkommnen bürgerlichen Freiheit gleich jedem andern rechtmäßigen Staatsbürger genießen, Häuser, Gründe, Dörfer eigenthümlich besitzen dürfe, und nur sehr geringen Steuern, und zwar nur solchen, die jeder andere Bürger zu entrichten hat, unterworfen sei — nunmehr ebenfalls Lichterzündungs- und Koscherfleischgefallsteuern auch hier abzufordern, und so bemühte sich jener Philanthrop der dasigen Regierung zu erklären, daß sie zwei Millionen jährlicher Einkünfte durch Einführung eines solchen Steuergesetzes genießen werde. Oberwähnter Herr Dragoman der hohen Pforte war nun beschäftigt, den Bescheid, den das Ministerium dem Plangeber ertheilen ließ, zu übersetzen, er lautete: „Unser stetes, besonders gegenwärtiges Bestreben geht dahin, unseren Unterthanen die bestehenden Steuern zu erleich- *) Die Stadt liegt am Strymon, und wird in den geogr. Handbüchern zu 30,909 Einw. angegeben. Der von uns daselbst gewonnene Eorrespondent wird uns nähern Aufschluß über alle Angelegenheiten unsrer Glaubensbrüder in der europäischen Türkei geben, und hat mit Obigem seine Berichte begonnen. Re da kt. tern, ihre Freiheiten zu erweitern. Wir kennen keinen Unterschied der Religion, und alle Religionen sind uns gleich hochschätzbar. Wenn die Juden nun ihre Religionsgesetze treulich befolgen, sind sie darum strafwürdig?" Mit diesem Bescheide ward der Plangeber mit dem Bemerken zurückgewiesen, ja sich nicht mehr mit ähnlichen, inhumanen und eigennützigen Entwürfen zu beschäftigen. Oesterreich. fEmancipationsangclegenheit der ungarischen Jfraeliten.j (Wir theilen hier zuvörderst das Nuntium der Ständetafel, und das Renuntium der Magnatentafel, alsdann Einiges aus den Verhandlungen der letztern von einem andern Berichterstatter mit. Redakt.) Preßburg, I. April. (Privatmitth.) Folgendes ist das denkwürdige Nuntium der ungarischen Ständetafel in Betreff der Emancipation der Juden, wörtlich also lautend: Jene Klasse des Volkes, die Jahrhunderte hindurch in der Gesetzgebung und Staatsverwaltung das starre Joch des Druckes im socialen Leben, das der Erniedrigung trägt, und bis jetzt von der gesunden Vernunft und der Menschlichkeit gleich vergebens um Erleichterung flehete, kann es mit Recht verlangen, daß die Gesetzgebung jenes Staates, von dem sie bis jetzt nur Druck erfuhr, dieselbe auch seiner Wohlthaten im gebührenden und gerechten Maße theilhast mache. Die Stimme des 34. Gesetzes 1790/1, die in dem Slurm der folgenden Zeit verhallte, erhebt sich ernst in unserer, Fortschritte machenden, friedlichen Epoche und erinnere die Nation, daß sich jenes Versprechen löse, das sie vor einem halben Jahrhundert that, und Gerechtigkeit übe gegen die, die dies zu fordern keine legale Stimme, kein bürgerliches Recht haben. Ausgeschlossen vom Feldbau, von der freien Ausübung aller Handwerke, von der Möglichkeit ein Grundeigenthum zu erwerben, belastet mit mehr als die gewöhnlichen Steuern, kämpft unter tausend Entsagungen die Judenschaft auf dem ihr einzig offenstehenden Weg des Handels um die Erhaltung des Lebens und den Genuß seiner Freuden, und verwiesen aus dem Reiche der übrigen Einwohner des Landes, täglich verhöhnt von ihnen, be-

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.