Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1840-04-25 · Heft 17 (25.4.1840) · p. Seite 242

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
4 (1840)
Issue
Heft 17 (25.4.1840)
Date
1840-04-25
Page
Seite 242 (sequence 14)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/3224737-3225119-3225137--02666-3312159
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

242 darum bleiben die Wirkungen der trotz dem vollendeten halb und ungenügend, weil der Eine tadelt, der Andere abwartet, und die Mehrzahl — kalt davongeht. Wenn in Etwas, so ist es gerade im Judenthume, wo die Seichtigkeit und Kühle der selbstischen Zeit nachhaltig wirkt — wir sprechen vom großen Haufen. Werfen wir nun einen Blick auf die Literaten, so tritt uns auch hier eine bedeutende Unhaltbarkeit entgegen. Woran es zuerst mangelt? An Zusammenwirken, an wesentlicher Einhelligkeit. Jener stetige Geist des alten Judenlhums, und die die Jugend verbindenden Lehrsitze der bedeutenderen Rabbinen sind geschwunden. Jetzt wachst ein Jeder isolirt aus, schießt isolirt empor, und bleibt isolirt im Wirken und Treiben. Es ist überall eine halbe Liebe, und Einer will den Andern verdrängen. Thul sich irgend ein Gebiet auf, so greifen zehn Hände danach. Gut. Aber ohne Anerkenntniß besten, was der Andere geleistet. Er will nicht ein eigenes Feld bestellen, nein — das auch, was sein älterer Nachbar bestellt, er will das Ganze in Besitz nehmen für! seine Person. Bon der andern Seite der Geist des Zerwürfnisses, der sich überall laut macht; daß jede Idee sofort geharnischt auf einen Kampfplatz tritt; daß ein Jeder durch eine unbesonnen und unedel geführte Polemik glänzen und sich berühmt machen will, nicht im Schweiße des Angesichts, sondern in einer kurzen Nachmittagsstunde. Alf» dieser Geist der Persönlichkeit und der Streitsucht, um es kurz und klar zu sagen, der in der Mehrzahl der Literaten hauset, und der allerdings nicht bloß in den unseren hauset, aber in den unseren, so kurz und karg gestellten, am wenigsten hausen sollte, dieser ist es, der oft die Literatur der Jetztzeit unerquicklich macht, und gewiß weniger Früchte zeitigt, als er zeitigen sollte und konnte. Und warum nun dies in einer Zeit, die an erhabenen Momenten so reich ist, die der geistigen Lokomotiven keinen Mangel hat! In einer Zeit, wo die Fesseln des Borurtheils gesprengt sind, wo ein freies Walten des Geistes einer jeden Erscheinung und einem jeden Bestände die Lebensbedingungen absrägt. In einer Zeit, wo die Engherzigkeit des Nachbars den Daumen mir nicht mehr aus das Auge setzen kann, und Alles, was Leben hat, seinen Lebenskreis findet. In der Zeit der Emancipirung, j die niemals wiederkehrt, denn der Siqg ist mehr als der Friede; das Errungene erschlafft, aber das Erringen stählt und befähigt! Eine solche Zeit, lasset uns nicht unnütz verderben, nicht zersplittern und — verkleinern, indem wir sie messen mit kleinen Maßen! Thöricht wäre es, dem einzelnen Worte und dem Worte des Einzelnen eine umwälzende Kraft zuzuschreiben. Die Gewalt des Wortes ist ja so gering geworden, durch den Mißbrauch und durch den Ueberbrauch. Aber in der Brust der Edelen klingt man doch eine verwandte Saite nicht vergebens an, und der Ton, der richtig angeschlagene, vibrirt lange nach. Wie wir es schon mehrere Male ausgesprochen, im Judenthume hilft die Halbheit gar Nichts. Und wenn sie sich immerhin in große Worte kleidet, und einen schillernden Mantel über ihre Blößen deckt, und mit wohlgelernten Floskeln um sich wirft. Das Auge unsrer Zeitgenossen ist scharf geworden, und sie fühlen hindurch die Wahrheit der Gefühle und die Aufrichtigkeit der Gesinnungen. Vor Allem aber ist die Zeit der Klage vorüber, und wenn auch noch lange nicht der Morgen des Triumphes gekommen: so hat sich doch unter der Hand die Gewißheit der Errungniffe so verstärkt, daß in Lied und Wort eine männliche Freude sich kund thut und kund thun kann. Warum also zurückstehen, Kämpfer und Zu. schauer? warum müßig die Hand fallen lassen, während sie bei der Arbeit so nöthig wäre? Ausgestreckt mit Kraft, und die Räder in Bewegung gesetzt, die zum Ziele rollen sollen! aber nur im Plane, in einstimmigen Zwecken, mit uneigennützigem Wollen — wo gezogen wird nach allen Seiten hin, ein jeder für sich, bleibet das Gefährte stehen! Viele Anschuldigungen, welche falsche Freunde und wahre Gegner in der neuern Zeit uns machten, sind verschwunden und widerlegt, man kann's bewundern, in wie kurzer Zeit. Man brachte eine Zeit lang Klagen vor über jüdische Cameraderieen, über jüdische Verbindungen durch die Länder hin: es ist hinlänglicherwiesen, daß diese nur in den fixen Ideen ihrer Erfinder bestehen. Man hat sich oft weidlich breit gemacht mit dem Tode und der Mumienhaftigkeit des Judenthums: cs ist all ubsurllum geführt, und man gesteht bereits zu, daß, wenn ir-

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.