Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 4 (1840)
- Issue
- Heft 17 (25.4.1840)
- Date
- 1840-04-25
- Page
- Seite 241 (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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241 sehr auch weit wichtigere und umfassendere Landesangelegenheiten die Thätigkeit der hohen Reichsversammlung in Anspruch nehmen, unsere flehende Stimme nicht verhallen, und in den für alles Große und Edle schlagenden Herzen der erhabenen Gesetzgeber Anklang finden werde. — Die huldreiche Gewährung unserer unterthanigflen Bitte würde hunderttausend treue Landeskinder zu einem neuen würdigen Leben wecken, würde für sie ein neuer Grund sein zur tiefsten Verehrung und innigsten Dankbarkeit gegen die erhabenen Reichsstände/ würde sie noch inniger und unauflöslicher an das Vaterland knüpfen, und zu noch treuer» und gehorsamern Unterthanen machen. — Einige Worte über Publikum und Literaten ans dem Gebiete des Jndcnthnms. Nichts gleicht der Pietät, mit welcher in früheren Zeiten vom jüdischen Lesepublikum Druckwerke ausgenommen wurden. Fanden sich nicht irgend bedeutend auf- und mißfällige Punkte, wurden sic von vorn herein gern und mit Würdigung ausgenommen. Man war viel mehr zu übermäßigem Lobe, als zu heftigem Tadel geneigt, und waren erst einige Decennien über die Blatter einer Schrift geschritten, so hatte es eine Autorität erlangt, die freilich auch der Kritik vielfach entbehrte. Eine eigentliche Polemik fand selten statt, und Fehden wie die, welche Maimuni, welche Eibeschützer zu bestehen, gehören nur Zeiten an, wo sich ein Neues unter Kämpfen gebären wollte. Das jüdische Publikum selbst theilte sich nur in zwei Läger. Das Eine bestand aus den „Unwissenden," an geistigem Verkehr daher gar nicht Theilnehmenden; das andre aus solchen, die in der Zugend es zu Etwas gebracht in der Kunde von den Schriften der Väter, und mehr oder minder strebsam geblieben. Diese hielten es für Pflicht, jeden Tag ein Stück zu „lernen," und daß hieraus auch an neuen Produkten, so weit diese zu ihnen zu dringen vermachten, ein lebhaftes Interesse gezogen wurde, ist natürlich. Es war ein bestimmtes Wollen, ein festes Streben,, das. sich in dm ver-. j schiedenen Geisteskindern nur verschieden machte. Im Grunde lief es auf Eines hinaus. Ganz anders' siebt es in der Jetztzeit aus. Die Zahl derer, die an den Entfaltungen des Judenthums in der Zeit ein besonnenes, bewußtes und darum bleibendes Interesse nehmen, ist sehr klein. Der übrigen Mehrzahl, theils von materiellen Interessen gefangen, theils von der allgemeinen, oberflächlichen Romanen- und Novellensucht zum Zeitvertreibe verwöhnt, höheren, und insonders religiösen Gedankenentwicklungcn entfremdet, bleibt Alles — Zufall. Zufällig stoßen sie auf Dieses oder Jenes, zufällig blättern sie darin, zufällig spricht sie Dieses oder Jenes an, und nun kömmt es nur wieder auf augenblickliche zufällige Stimmung an, ob sie es weiter verfolgen, oder, nach Stillung momentaner Neugierde, wieder fallen lassen sollen. An ein tieferes Ergreifen, an ein ernstes Darangehen, aus dem Bewußtsein heraus, du mußt zur Erweiterung und Läuterung deiner Begriffe, zur Sicherstellung deines Gemüthes, und zur Erhebung deines Geistes Solches mit Muße und Energie verfolgen, ist selten zu denken. Warum sollen wir uns scheuen, diese Mangelhaftigkeit, dieses Gebrechen des jetzigen Geschlechtes zu besprechen und aufzudecken? Schont man etwa der Vergangenheit? Zieht man nicht oft genug die Väter, die doch auch ihren Theil gehabt haben werden an der göttlichen Flamme des Lebens, vor ein selbstgenügsames Tribunal? Wirft man nicht oft genug Steine auf ihre Gräber, wo wir Denksteine setzen sollten? Im Gegentheile, weil das jetzige Geschlecht nicht bloß Nachfolger und Nachtreter des vorangegangenen sein soll, weil es mit einem größern Fonds wissenschaftlicher und weltlicher Bildung zur Lösung seiner Aufgabe auftritt — gerade darum wird der Tadel schneidender, der dasselbe trifft, und der Vorwurf glühender, der ihm gemacht werden muß. Die Zeit ist vorüber, wo man dem Judenthum das alte Bettlergewand abgenvmmen, und ihm noch kein neues Gewand gegeben hatte. Schon schlagt sich eine formenreiche Hülle um dasselbe, und wackere Hände reichen, was gemangelt. Aber das ekle Auge will sich noch nicht hinwenden, und der matte Blick lorgnettirt lieber mit lockenderen Gestalten: darum bleiben alle größeren Unternehmungen auf halbem Wege stehen, weil sie der Unterstützer ermangeln,