Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 4 (1840)
- Issue
- Heft 15 (11.4.1840)
- Date
- 1840-04-11
- Page
- Seite 206 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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206 ganz Europa sich verbreitenden Humanitatsgefühls. Ja, Achtung der Familien-Tradition, Lheilnahme dem Gemeindewesen, keine falsche Schaam, sondern Ehrfurcht einer alten, wunderbar von Gott erhaltenen Nationalität gegenüber — aber von unserer Liebe sei glcichwol kein Mensch ausgeschlossen, selbst nicht der durch angebornes Vorurtheil noch beschränkte Unglückliche, den wir bedauern aber nicht schlecht nennen wollen. Glauben Sie nicht, daß cs bloß schöne Theorien sind, die ich hier ausstelle; was jetzt innerhalb dieser Mauern unser Gemüth ergreift und uns bewegt, das setzt auch die ganze denkende und fühlende Welt in Bewegung; ja, wer den Pulsschlag der Zeit zu beobachten versteht, der wird unter dem Gewirre von Selbstsucht und Eigennutz, die freilich überall obenauf und am lautesten sind, das stille, allmälige, aber sichere Wirken echter Humanität und wahrer Bildung erkennen, das eben so den Nationalhaß der Völker tilgt, wie es den aller wahren Gottesverehrung Hohn sprechenden Unterschied aufhebt, der zwischen einem Menschen und dem andern, seiner Religion wegen, gemacht wird." — Obgleich nun hiegegen daran erinnert werden könnte, daß die Hülfsmittel für jüdische Studierende noch die geringfügigsten, und diese von den meisten Landcsstipendien ausgeschlossen sind, so daß deren Bedürftigkeit besonders zu berücksichtigen ist: so ist es doch gewiß auf's beste und dankbarste anzuerkennen, wenn auf diese Weise bei vorkommenden Gelegenheiten unsrerseits dem Geiste der Humanität, selbst bei unseren dürftigen Zuständen, sein Recht eingeräumt und gehuldigt wird. Die Gesellschaft hat' übrigens in gewohnter Weise auch im vergangenen Jahre gewirkt, und war im Stande, in ihrem Wittwen- und Waisen-Institute die jährliche Unterstützung von 100 Thlr. auf 150 Thlr. zu erhöhen. Frankfurt a. Oder, 20.März. (Privatmitth.) Der Verein zur Unterstützung unbemittelter jüdischer Handwerfslehrlinge hat am 14. h. wieder einen Verkauf von Arbeiten verheiratheter und unverheiratheter Damen, die diese auf den Altar edler Wohlthätigkeit mit Freuden niederlegten, veranstaltet, welcher dem Vereine abermals 350 Thaler zuwandte. Welch' deutlicheres Zeichen wahrer Hochherzigkeit kann eine Gemeinde, von nicht zu großem Umfange, geben? Ref., der anwesend war, macht sich die Freude, auf dieses Institut und den schönen Eifer, mit welchem seine Zwecke gefördert werden, aufmerksam zu machen. Da das Institut seine Unterstützungen auf seine Zöglinge, auch wenn sie bereits in selbstständigen Betrieb treten, ausdehnt, so ist ihm um so mehr ein immerwährendes, ansteigendes Bestehen von Herzen zu wünschen! H-l. Literarische Nachrichten. Wien, 19. Marz. (Privatmitth.) Ich schrieb Ihnen vor einigen Monaten, daß unser Oberkantor, Herr Sulzer, im Laufe dieses Jahres einen Eyklus gewählter Synagvgengesange herausgeben würde. Ich melde Ihnen heute mit Vergnügen, daß das Werk bereits unter der Presse ist, und nach wenigen Monaten vollendet sein wird. Da alle Versuche, welche bisher in dieser Beziehung gemacht wurden, nur als Versuche zu betrachten sind, und weder dem Inhalte, noch dem Umfange nach den Anforderungen entsprechen, welche man an eine vollständige Sammlung unserer liturgischen Musikstücke zu machen berechtigt ist;") so begrüßen wir in demSulzer'schen Werke die erste complcte Zusammenstellung aller sabbatlichen, festlichen und casualen Synagogenmelodien, und es ist gar nicht zu zweifeln, daß dessen Erscheinen die neueren gottesdienstlichen Bestrebungen wesentlich fördern, und den Sinn für wahrhaft erhebende Synagogenmusik in den weitesten Kreisen anregen und wecken werde. Herr Sulzer, als Mensch eben so achtenswerth, wie als Künstler anerkannt, giedt sein Werk, in edlem Eifer für die heilige Sache, welcher er seit zwanzig Jahren, zur Erhebung und Bewunderung Aller, die ihn hören, dient, auf eigene Kosten heraus. Und — wenn sich bisher jüdische und christliche Besucher des hiesigen Tempels von Sulzer's umfangreicher, klangvoller Stimme, von dessen ergreifendem, gemüthlichem Vortrage entzückt fühlten, so wird ihn jetzt ein größeres Publikum als genialen Composi'teur lieb gewinnen. Was mich bei diesem Werke, wobei das novum preniatur in »nimm sorgfältig beobachtet wurde, besonders anspricht, — und gewiß wird dies bei Vielen der Fall sein, — ist die liebliche, ich möchte sagen wundersame Harmonie, in welche der Vers, den alten, ächten Synagbgcngesang (num) mit dem gebildeten Zeitgeschmäcke zu bringen wußte. Einerseits tritt die alte synagogale Weise in ihrer antiken Eigenthümlichkeit, mit all den weichen und seufzenden Tönen ganz deutlich hervor; anderer Seits wurde den alten Melodien bald durch eine passende, angemessene Modification des Tempo, "1 Wir können vorläufig dieses Referat nur noch als individuelles Uriheit gelten lagen, welches wir gern mirthcilcn, um auf den Gegenstand aufmerksam zu machen. Redakt.