Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 4 (1840)
- Issue
- Heft 15 (11.4.1840)
- Date
- 1840-04-11
- Page
- Seite 205 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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205 schwache und darum unthätige Einzelne vermag oft das schwerste, das unmöglich scheinende auszuführen, wenn er sich durch die mitwirkende Gesinnung eines ihm verbündeten Kreises unterstützt fühlt. Darum ist eine Gesellschaft, wie die unselige, keine bloße Summirung der Beitragskräfte ihrer einzelnen Mitglieder; sie besitzt vielmehr eine moralische Kraft, die ihr von keinem Theile ihrer Mitglieder, und wäre er auch noch so ansehnlich und noch so ausgezeichnet durch sittliche Vorzüge, verliehen worden — eine Kraft, die, wie sie das Ganze mit einem Achtung gebietenden Nimbus umgiebt, auch die Theile moralisch erhebt und sie schon in dem Bewußtsein, einer solchen Gemeinschaft anzugehören, ihre Befriedigung finden läßt. Deshalb ist auch die Gesellschaft/ deren Wohlthäter jedes ihrer Mitglieder genannt werden kann, als eine viel größere Wohlthäterin aller Einzelnen zu betrachten; sie gewährt ihnen einen jener sittlichen Mittel - und Anhaltspunkte, die in unserer Zeit um so mehr berufen sind, auf die Gesinnung zu wirken, als der religiöse Jndifferentismus den Einfluß, welchen sonst Kirche oder Synagoge übte, immer mehr beseitigt und das Herz doch eines solchen Anhaltspunktes bedarf, um sich seiner Verbindung mit Gott und dem Göttlichen in der Menschheit bewußt zu bleiben." Die folgenden Worte berühren aber einen individuellen Gegenstand, und dessen Nechtsertigung: „Zunächst habe ich zu erwähnen, daß die Stiftung zum Gedächtnisse unseres verewigten Vorstehers M oser, bei welcher sich eine so große Anzahl von Mitgliedern unserer Gesellschaft betheiligte, im Laufe des vorigen Jahres konstituirt worden ist. Einigen persönlichen Freunden des Verewigten, denen sich Ihr Secretair und Ihr Vorsteher, als Deputirte der Gesellschaft der Freunde, angeschloffen, bildeten ein Somit«, das zum Theil in unserer Gesellschaft und zum größern Theil außerhalb derselben Beiträge zum Belaufe von mehr als tausend Thalern erhielt, die wir dem Senate der hiesigen Universität als einen Fonds zu einem immerwährenden Stipendium zum Andenken Mosers anbieten konnten. Auf die Anzeige, die wir dem Vater des Verstorbenen von der auf diese Weise zu Stande gekommenen Stiftung gemacht, har derselbe sich erboten, noch 200 Thlr. hinzuzufügen, so daß das Kapital sich auf 1250 Thlr. belaufen wird, deren Zinsen zu dem den Universitätsstiftungen stets gesicherten Zinsfuß von 4 pCt., jährlich mit 50 Thlr. einem würdigen und bedürftigen Jünger der Wissenschaft durch den Senat zuerkannt werden sollen. Abwechselnd wird es ein Studirender jüdischer und ein Studirender christlicher Konfession sein, dem diese Wohlthat zu Theil wird; meldet sich jedoch ein Verwandter Moser's, so soll dieser in jedem Fall den Vorzug haben. Der Senat hat mit bereitwilliger Anerkennung das Statut ausgenommen, das wir ihm in dieser Beziehung eingereicht. Es liegt jetzt Sr. Maj. dem Könige zur Genehmigung vor und demnächst durfte die erste Zuerkennung des Stipendiums schon im folgenden Jahre stattsinden." „Ich sage bei dieser Gelegenheit den achtbaren Freunden, die sich auf unsere Aufforderung dem Unternehmen vertrauensvoll angeschlossen, den herzlichsten Dank. Sie haben sich die doppelte Genugthuung verschafft, einerseits das Andenken unseres durch Humanität und Gelehrsamkeit auf gleiche Weise ausgezeichneten verewigten Vorstehers im Geiste desselben zu ehren und andererseits in der bei der Universität begründeten Stiftung ein Beispiel der Liebe zur Wissenschaft und des Nächsten ohne Unterschied der Religion aufzustellen. Wol darf die Gesellschaft sich freuen und stolz darauf sein, in ihrer Mitte solche Gesinnungen gepflegt zu sehen — Gesinnungen, die den Beweis liefern, daß der Zweck der Begründer unseres Vereins, mittelbar dadurch auch die isolirten Stellungen des Judenthumes zum Staate und zur allgemeinen Menschheit immer mehr aufzuheben, erreicht wurde. Ja, meine Freunde, wir wollen niemals vergessen, daß diejenigen, die unfern Bund gestiftet, ursprünglich eine Vereinigung junger Leute waren, die obwol sie, gleich den Meisten von uns, immer ihren Familien - Traditionen und ihrem angebornen religiösen Bekenntnisse treu zu bleihen entschlossen waren, doch auch zugleich das Bedürfniß empfanden, die Fesseln nationaler Absonderung nicht bloß in der Gesinnung ihrer christlichen Nebenmenschen, sondern auch von ihrem eigenen Denken und Thun abgestreift zu sehen. Meine Freunde! dieses Bedürfniß, das schon vor einem halben Jahrhundert unter den jüngeren Zeitgenossen des edeln Mendelssohn sich kundgab, ist das allgemeine Erbtheil unserer Zeit geworden. Unsere Gesinnung und die Gesellschaft, welcher anzugehören wir uns freuen, sind eben nur Manifestationen dieses allgemeinen über