Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1840-04-04 · Heft 14 (4.4.1840) · p. Seite 195

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
4 (1840)
Issue
Heft 14 (4.4.1840)
Date
1840-04-04
Page
Seite 195 (sequence 7)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/3224737-3225119-3225134--02616-3312106
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

195 stelligt worden wäre, so nicht Herr vr. Melis, der an der Pesther Universität nach öffentlich daselbst absolvirten Studien der Philosophie promovirte, seine literarisch-praktische Wirksamkeit seinem Vaterlande (Böhmen) zu weihen gesonnen wäre. Schließlich muß ich noch der dasigen Normal- Schule gedenken, um deren Gründung, Leitung, und glücklichen Fortbestand Herr,J. L. Cohn Mag. Chirurg, nahmhafte Verdienste hat. — H. Pik. Aphorismen ans dem Leben des Zndenthnms. Es ist schon öfter die Frage aufgeworfen worden, von den Anti-Emancipisten: Würden wol die Juden, so sie einen Staat bildeten, Anderen das Bürgerrecht ertheilcn, die' sich unter ihnen aufhielten? Natürlich daß diese Leute diese Frage verneinten, weil sie aus der präsumtiven Negation der Frage einen Grund mehr für ihre Gegnerschaft ziehen wollten. Ich habe nirgends eine schlagende Antwort auf jene Frage gefunden, und das ist nicht gut. Selbst eine solche suppitive Frage muß entschieden sein. Woher sollen wir aber die Antwort ziehen, da wir die Frage faktisch nicht lösen können? Ich kann auf eine völlig entscheidende Stelle verweisen, die dabei ganz übersehen worden. Der Prophet Ezechiel entwirft im Erile, im vierzehnten Jahre nach der Zerstörung Jerusalems, am zehnten des ersten Mondes, den Riß zu einem neuen Tempel und eine neue Verfassung. In dieser neuen Verfassung Israels ist, als er von der Vertheilung des ganzen Landes spricht, als wesentlicher Paragraph aufgestellt und ausgenommen, (ich citire die Stelle nach der Uebersetzung eines christlichen Gelehrten (de Wette), um den Gegnern auch kein etwaiges Mißtrauen zur Zuflucht zu lassen, Ezech^7, 21 — 23:) „dieses Land nun sollt ihr unter euch vertheilcn, nach den Stämmen Israels. Und ihr sollt es zur Besitzung verloosen euch und den Fremdlingen, die sich unter euch aufhalten, welche Söhne erzeuget haben unter euch; und sie sollen euch sein wie Gingeborne, wie Söhne Israels, und sollen ein Eigenthum erhalten in der Mitte der Stämme Israels. In dem Stamme, bei welchem der Fremdling sich aufhält, daselbst sollt ihr ihm sein Eigenthum geben, spricht der Herr, der Ewige." Das versuche nun Jemand auszustreicken aus unsrer heiligen Schrift. Da ist also 1) dem Fremdling das ganze Bürgerrecht, ohne irgend eine Klausel und Ausnahme ertheilt „wie Eingeborne, wie Söhne Israels sollen sie euch sein;" 2) ist dies an keine weitere Bedingung gebunden, an keine Schutzgelder, an keine Kaufbriefe, an keine Zahl, an keine moralischen Testimonia, an keine Glaubenswechsel, es heißt: „die Fremdlinge, die sich unter euch aufhalten, die Söhne erzeugt haben unter euch," also einfach durch mehrjährigen Aufenthalt im Lande; 3) ist es auch nicht an eine oder zwei Städte gebunden, sondern „in dem Stamme, bei welchem der Fremdling sich aufhält;" und endlich 4) soll ihm gar ein Eigenthum gegeben werden, nicht allein der Grundbesitz gestattet, sondern, bei Vertheilungen, gegeben werden! Das wäre also das Fremdenrecht unsres neuen Staates, und die Frage, ob Fremde bei uns emancipirt werden würden? ist völlig gelöst: Nein, sie würden nicht emancipirt, sie brauchten nicht emancipirt zu werden — sie waren es schon von vorn herein, und nach mehrjährigem Aufenthalt wären sie Bürger de jure und de facto „wie die Söhne Israels.". Das widerspricht nun freilich sehr den blutigen Thränen jenes holstein'schen Geistlichen, die dieser weinte, daß die Städte, die seine Vorfahren gebaut, von den Juden mitbewohnt und mitbesessen werden sollten — woraus man ihn um seinen Stammbaum bat, da man doch nicht so ganz gewiß sei, ob seine Vorfahren nicht auch am Jordan gewandelt. — Ich glaube, ein sehr wesentliches Moment im Charakter der Juden unsrer Zeit begriffen und ausgesprochen zu haben, wenn ich sage: Das religiöse Bewußtsein der Juden als solcher hat sich vermindert, das historische Bewußtsein.der Juden als solcher ist im Wachsen begriffen. Die Lehre, zur Offenbarung von Gott auserkoren gewesen zu sein, muß mit dem Glauben an Offenbarung steigen und fallen. Je unbedingter dieser Glauben ist, desto klarer muß sich auch jene Lehre

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.