Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 4 (1840)
- Issue
- Heft 13 (28.3.1840)
- Date
- 1840-03-28
- Page
- Seite 187 (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
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187 man hierzu, daß diese Lehrer alle 2—3 Jahre und manchmal noch öfter wechseln, die Kinder aber mehr zur Mithülfe im Elterlichen Geschäft und zum Besuche Christlicher Schulen, als zum Jüdischen Unterricht angehalten werden, von Mädchen-Unterricht aber gar nicht die Rede ist, so bedarsts wahrlich nicht, Jesaia's prophetischen Btikkes um das Unheil vorher zu verkünden, was hieraus entstehen wird. Aber Häusliche Erziehung, Elterliches Beispiel, wird dies nicht die jungen Schößlinge zu srucht- und schattenreichen Bäumen in dem Garten Juda's emporziehen, auch ohne die Hülfe des beschneidenden Gärtners? so höre ich Sie fragen. Aber ach — hier aber liegt auch bei uns eine zweite Quelle des Uebets. C. ♦... war der erste Ort in unserm Bezirke, wo in dem verflossenen Saculo die sogenannte Aufklärung herrschend wurde und in der Verhöhnung und Abstreifung alles Jüdischen sich emporthat; und noch heute suchen die in andern Beziehungen gewiß achtungswertheren der dortigen Juden, einen Ruhm darin, sich der Ausübung des Jüdischen Rituals und Ceremoniells zu entziehen, allen Offenbarungsglauben frischweg sortzuleugnen und in einem lebensbequemen Deismus sich ihre eigene Bahn zu bilden. Wie überall, bildet zwar auch hier diese Parthei die Minderzahl, allein auch die Majorität — die sogenannt Frommen — bieten keine erfreuliche Erscheinung. Da ist es nun wieder meist äußere Form, welche man im gewohnten Schlendrian nachahmt; das Leben — der wahre Geist des Judenthums — fehlt. Brauche ich es nun noch zu sagen, daß auch der religiöse Kultus furchtbar vernachlässigt ist? Vor wenigen Jahren wurde erst eine neue, recht freundliche Synagoge erbaut, aber auch den Gottesdienst darin, auf eine feierliche, andächtige Weise zu verrichten, daran wurde nicht gedacht. Wie in den meisten Städten werden auch hier noch die Mizwot verauktionnirt, und die Gott, geweihte Stätte wird durch profane Unterhaltung und gemeine Scherze entweiht. Nicht selten muß der Chasan am Sabbate im Gebete innehalten, weil die erforderliche Personenzahl noch nicht da ist, und dann auch noch geht seine Stimme im Geräusche der Privatunterhaltung verloren. Ich habe absichtlich so lange bei der Schilderung dieses Ortes, verweilt, denn ich gebe Ihnen damit zugleich das Bild jüdischer Zustände in den andern großem Städten unseres Bezirks, und Sie dürfen statt C.nur fwen andern Namen setzen, so haben Sie ganz dasselbe Gemälde kn anderm Rahmen gefaßt. Wol giebt es in diesen Gemeinden auch Männer, die mit wahrem Jüdischen Sinne auch zeitgemäße Bildung verknüpfend, den tiefen Verfall betrauern, in welchem wir schmachten, aber damit ist's auch alles. Zu einer Verbesserung und Hebung ihre Kräfte anzuwenden, dazu fehlt ihnen der Much. Wenden wir nun unsern Blick zu den kleinern Städten, ob sich da uns Erfreulicheres bietet. Da finden wir nun seit wenigen Jahren von vielen dieser kleinen Gemeinden neue Synagogen erbauet, und kann ich Ihnen in dieser Beziehung namentlich: Regenwalde, Belin, Belgard, Tryston, Bubtitz, Neustettin, Rügenwalde u. a» m. anführen. Es ist dies um so mehr als ein Beweis religiösen Sinnes anzunehmen, als alle diese Bauten von den Gemeinden durch eigene Mittel mit bedeutenden Opfern für den Einzelnen, bewirkt wurden. Allein hiermit scheint auch der erwachte Enthusiasmus wieder verschwunden zu sein, denn von einer Verbesserung des Kultus und Synagogalwesens ist nirgend die Rede. Da herrscht noch in den meisten Gemeinden eine Unordnung, die zu beschreiben, meine Feder zu schwach ist; ein Lärmen beim Gottesdienste, wovor keine Andacht aüskommm kann; jeder sucht nur so viel wie möglich sich laut zu machen, und alles geht den alten Schlendrian. Eine rühmliche, anerkennenswerthe Ausnahme hiervon, macht das Städtchen Belgard. Man findet hier regelmäßige Leitung der Geweindeangetegenheiten, ruhige, feierliche Andacht im Gotteshaufe und religiöses Leben im häuslichen Wandet. Seit einiger Zeit ist da auch der Verkauf der Mizwot aufgehoben worden, und so der Weg zu weiterer Hebung und Verbesserung des Gottesdienstes eröffnet. — In manchen Gemeinden sind die Zustände wahrlich anarchisch. Hier leben die Mitglieder getrennt, bilden zwei Gemeinden, dort sind sie mit dem Schochet, gewöhnlich Rebbi genannt, entzweit, wollen von seiner Schlachtung nichts essen. Hier hört man Schlägereien im Tempel, dort verweigern wieder einige die Zahlung der Beitrage, kurz es ist eine völlige Auflösung, weil niemand eine Autorität anerkennt der er sich unterwerfen müßte. Es kommen dabei manchmal seltsame Zustände und spaßhafte Anekdoten vor. So ward es vor kurzer Zeit entdeckt, daß in dem Städtchen C * * * * * ein Christlicher Convertit ziemliche Zeit hindurch die Stelle eines VMV versehen hatte; indem es ihm gelungen war, die Gemerndeglieder durch falsche rfttp und Atteste zu tauschen.