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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1840-02-15 · Heft 7 (15.2.1840) · p. Seite 93

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
4 (1840)
Issue
Heft 7 (15.2.1840)
Date
1840-02-15
Page
Seite 93 (sequence 5)
Language
German
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95 fehlte die Mazorah") an den Thürposten niemals, und in manchen sahen wir in der nach Osten liegenden Wand eine Tafel befestigt, auf welcher mit großen Buchstaben das Wort „Metrah" (Osten)"") geschrieben stand. Es wird hierdurch die Richtung, in welcher Jerusalem liegt, wohin sie stets bei dem Beten das Gesicht kehren, angedeutet. (Dan. 6,33.10.)""") Das Land ist voll von Juden. Czernowitz, die Hauptstadt der Bukowina, liegt auf einer Anhöhe, von wo man die Aussicht auf eine schöne, vom Pruth durchschnittene Ebene hat. — Hinter C. wohnten die Reisenden in dem Dorfe Jaglinski in einer Synagoge dem Schluß des Laubhüttenfestes bei. „Die Weise, in der die Juden dies Fest zu Ehren Gottes begingen, war merkwürdig genug. Die sämmtlichen Gesetzes - Rollen wurden aus der Bundeslade der Synagoge genommen und auserwählten Personen übergeben, die sie in Procession im Tempel umhertrugen, während das Volk sich an sie drängte, um die Rollen zu küssen. Dann stellten sie sich vor der Bundeslade auf, und so bald das Zeichen gegeben war: „Sage den Kindern Israels, daß sie vorwärts gehen," so begannen sie ein höchst phantastisches Lanzen und Springen, das mit Gesang begleitet wurde. Der alte grauhaarige Rabbi nahm hieran den lebhaftesten Theil. Die Ceremonie wurde sieben Mal wiederholt und die ganze Versammlung gab mit einem gewissen heitern Humor durch wiederholtes Händeklatschen ihre Freude zu erkennen: Einige stimmten auch von Zeit zu Zeit in den Gesang ein. Am andern Lage reisten wir nach T'arnopol ab, einer nicht unbeträchtlichen Stadt, die an einem See liegt, und mehrere öffentliche Gebäude, unter anderen eine Erziehungs-Anstalt (Akademie) für junge Männer hat. Die jüdische Bevölkerung beläuft sich auf 2000 Familien: die Anhänger der neuen Synagoge sind sehr zahlreich, indem sich die achtbarste Hälfte der Juden ihr angeschlossen hat. Ein jüdischer Privatmann, der während unserer Anwesenheit starb, war der Urheber dieses Wechsels. Die Anhänger dieser Synagoge be- ") Mesusa! Redakt. "") Misrach! Redakt. *"") Soll heißen Dan. 6, IL. Siehe übrigens schon Salomo's Gebet bei der Tempeleinweihung 1 Kön. 8, 48. Redakt. haupten, daß der Glaube an einen Messias kein ursprünglicher Glaubensartikel des Judaismus war: ihr Messias ist ihnen die politische Emancipation. Den Talmud verwerfen sie gänzlich, zugleich aber auch das alte Testament: gleichwol wollen sie nicht als Ungläubige gelten (obgleich sie wenigstens gewiß keine Juden mehr sind) und erklären vielmehr, daß sie ernstlich danach streben, Gott als den Vater, im Geist und in der Wahrheit, zu verehren. Uebrigens beobachten sie alle äußerliche jüdische Gebräuche, wenn sie dieselben auch als Thorheit verwerfen. Die alte jüdische Schule in Larnopol ist dagegen wegen ihres grasten Aberglaubens merkwürdig. Den Tanz, zu Ehren des Gesetzes, sahen wir hier phantastischer, als irgend wo, ausführen, und in einer Synagoge kamen nicht weniger als 36 Gesetzesrollen zum Vorschein. Man führte uns auf den Begräbnißplatz, zu dem Grabe einer, vor 200 Jahren gestorbenen, Jüdin, der Tochter eines Rabbi, welche Wunder thun soll: „Hunderte," sagten sie, „sind dadurch geheilt worden, daß sie zu ihr beteten." Wir verließen T. gerade zu der Zeit, wo man den großen Reformator der neuen Synagoge zu Grabe geleitete.") In einem Dorfe, Namens Potcamin, welches auf einer, von allen Seiten bewaldeten Anhöhe liegt und weithin sichtbar ist, fragte uns ein alter Mann: ob wir in Jerusalem bei den heiligen Gräbern gebetet hätten? Er führte Pred. Sal. 4, 2 an, um den Nutzen der Gebete zu den Tobten zu beweisen, und brachte zu demselben Zweck eine Erzählung aus dem Talmud bei. Er sprach sehr ruhig und weigerte sich nicht, uns anzuhören, bald indeß verließ er uns, um, wie ich glaube, zu dem Abendgebet zu eilen, denn der Synagogen-Diener klopfte eben drei Mal an jedes jüdische Haus, um anzudeuten, daß die Versammlungszeir da sei. — Wir kamen nach Brody durch eine ebene, sandige Gegend. Die Gebäude der Stadt haben nichts Bemerkenswerthes, aber die Bevölkerung gewährt einen eigenthümlichen Anblick. Die Zahl der jüdischen Einwohner (30,000) übersteigt die der Christen (10,000) um das Dreifache; in der ganzen Stadt giebt es nur 3 Kirchen, dagegen hat sie aber nicht weniger als ") Hiermit ist offenbar der zu dieser Zeit verstorbene Joseph Perl gemeint. Redakt.

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