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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1840-02-08 · Heft 6 (8.2.1840) · p. Seite 81

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
4 (1840)
Issue
Heft 6 (8.2.1840)
Date
1840-02-08
Page
Seite 81 (sequence 9)
Language
German
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81 bildung, den allseitigen ungehinderten Gebrauch ihrer Körper- und Seelenkräfte, wehren ihnen bessere Beschäftigungen, halten sie von allen Höhen des gesellschaftlichen Lebens ab und stoßen sie, mit fast alleiniger Ausnahme der von Alters her von ihnen betriebenen Heilkunst, in den modernden Sumpf des entsittlichenden Wuchers und Schachers hinab; impfen ihnen das Gist tzes Hasses, statt des Balsams der Liebe ein, arbeiten an ihrer geistigen und moralischen Verkrüppelung — und nachdem wir das Alles seit einer langen Reihe von Jahrhunderten - gethan haben, sind wir naiv genug, uns über die eklatanten Wirkungen des eignen Verfahrens zu wundern, mit dem Finger der Verachtung auf ihre sittliche Gebrechlichkeit zu zeigen und in den Ausruf auszubrechen: „Können solche Leute auf bürgerliche Freiheit und politische Rechte unter uns Anspruch machen?!" Möge dieser Ausruf nicht in eine Anklage gegen uns sich verwandeln, und der gegen sie erhobene Finger der Beschuldigung sich nicht an der Hand der Wahrheit in einen Finger verkehren, der auf uns als auf die wahren Verursacher und Werkmeister dieses Zustandes hinzeigt! „Die Juden sollen sich zuvor bessern, sagen wir, oder damit ich mich der solennen Formel der Ursache bediene, sie sollen sich zuvor der Wohlthat derEmancipation würdig machen. Ist es denn aber wirklich vom Sittengesetze aus eine Wohlthat und nicht vielmehr eine einfache Rechtthat, und klingt die ganze Phrase nicht so, als ob dadurch eine Ordensverleihung, eine lebenslängliche Pension, oder eine andere derartige Verdienstauszeichnung hier beantragt werde? Wenn wir aber nur moralische Vortrefflichkeiten mit den Insignien des vollen Bürgerrechtes behängen wollen, so ist das freilich eine ächt philosophische und sehr achtungswerthe Idee, die so eben aus dem Staate des Plato bei uns angelangt zü sein scheint, möchte aber schon deshalb ihre Realisirung nicht zulässig befunden werden, weil es hiebei den Guten unter uns wie den Geraden im Lande der Verwachsenen leichtlich ergehen könnte. Wollte man dies Verfahren aber nur bei der Judenschaft beobachten, so würde dadurch freilich schon vieles Unrecht gegen einzelne jüdische Persönlichkeiten gut gemacht werden, müßte aber gleichwol dennoch hiebei der lieben Vernunft und Billigkeit wegen auf die etwas schwierige Beweisführung gedrungen werden, daß es wol erlaubt sei, ein christlicher Schuft, nicht aber ein jüdischer zu sein, und daß im letzteren Falle allemal sofort eine diininutio capitis im altrömischen Sinne zu verhängen sei. Liebe und Besserung übrigens von einem Menschen zu erwarten, den man täglich mehr oder weniger seine Nichtachtung fühlen läßt, den man an den heiligsten Rechten des Bürgers und des Menschen beeinträchtigt und mit dessen Wohlfahrt und Glück man ein launenhaftes Spiel treibt, ist, zum mildesten ausgedrückt, eine alberne Forderung, heißt verlangen, daß auch einmal, weil es uns so paßt, die Wirkung der Ursache vorangehe, und verstößt gewiß eben so sehr gegen die Gesetze der Vernunft, wie gegen die Gesetze der Natur. Es sind nur leere Ausflüchte, eitler^ Selbstbetrug, womit wir unsere Handlungen beschönigen wollen. Nur das muß hiebei tief schmerzen, nur das hält den Vaterlandsfreund ab, hierüber seine unverholene und unverschleierte Meinung auszusprechen, bemerkt er, daß so manche ehrenwerthe und' auf die so schöne Benennung der Freisinnigkeit anderweitig mit Recht Anspruch machende Männer, deren Bild er so gerne rein und ungetrübt in seine Seele aufnehmen und bewahren möchte, sich wenigstens dem äußeren Anscheine nach in einer befremdlichen Gemeinschaft mit denen befinden, die wir wegen ihres Widerstandes gegen das Emancipationswerk und wegen ihrer dagegen erhobenen so selbstbetrüglichen Einreden unter eine ganz andere Benennung leider bringen müßten, entschuldigten sie nicht in etwas die so großen Vorurtheile und Jrrthümer, die unser aller Wiege umringten und zu deren Beseitigung im männlichen Alter die ganze Kraft der Vernunft und des Willens gehört." „Nichts vermag uns aus unserer Indolenz aufzurütteln, wir glauben den Nabel der Erde zu bewohnen, und indem wir mit einer unendlichen Selbstzufriedenheit auf das großartigere Völkerleben um uns her blicken, freut sich unsere kleine Existenz seines Kastenwesens, seiner Kleinbürgerlichkeit, seiner Befangenheit, seiner endlosen Schöppenstädtereien und seiner Affenliebe für alles Bestehende. In letzter Zeit haben uns sogar die Dänen an einer größeren geistigen Regsamkeit im öffentlichen Leben bedeutend übertroffen, und die von den dortigen Ständen beantragte Emancipation der Juden zeigt genügsam, wie eifrig sie bemüht sind, sociale Uebelstände der Vorzeit abzuschaffen und den Weg der Reform fortan kräftig zu wandeln. 6 *

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