Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 4 (1840)
- Issue
- Heft 4 (25.1.1840)
- Date
- 1840-01-25
- Page
- [Seite] (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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Literatur. Archäologie. Homiletik. H omiletik. Bruchstücke aus uugedruckten, jüngst gehaltenen Predigten. Wisset Ihr, was ein Jahrhundert zu bedeuten hat? Ein Jahrhundert ist, was uns begreifen läßt, daß wir nur sind, daß wir nicht waren, und nicht sein werden! Denn wer war denn vor uns, als das verronnene Jahrhundert dem Schoße der Zeit entstieg? Denn wer wird denn sein von uns, wenn das Jahrhundert, das jetzt geboren wird, den letzten Athemzug thuet? Wir erleben ein Jahrhundert, aber verleben es nicht; wir überleben ein Jahrhundert, aber durchleben es nicht; ein Jahrhundert umfaßt der Geschlechter drei, ein Jahrhundert umschließt unsere Geburt und 'unfern Tod. Wisset Ihr, was ein Jahrhundert bedeutet? Ein Jahrhundert ist, was uns begreifen laßt, daß wir nur ein Einzelwesen sind, über uns aber ein großes Ganzes. Als das alte Jahrhundert geboren ward, waren wir nicht, wol aber die Welt, die Menschheit und Israel. Wir sind Glieder, die entstehen und vergehen in einem Jahrhundert, Spannen des Jahrhunderts , aber das große 'Ganze reichet über die Jahrhunderte hinaus, und die Jahrhunderte sind Spannen von ihm. So verabschieden wir, dessen Anfang wir nicht sahen, begrüßen, dessen Ende wir nicht sehen werden. Welch' eine Tiefe von Gedanken, welch' eine Fülle von Gefühlen! Und wie wir so aufgeregt sind in unserm Innersten, tritt das alte Jahrhundert an uns heran und spricht: bedenke und feire mein Ende! und das neue Jahrhundert tritt an uns heran und spricht: bedenke und feire meinen Anfang! Und das alte spricht: Weißt du, was ich gebracht und geboren und geschaffen? was ich gekämpft, gelitten und errungen? Bedenke und feire es! und das neue spricht: Ahnest du, was ich bringen, gebären und schaffen werde? Ahne und feire es! O, ich weiß', wir haben gekämpft und werden kämpfen, haben gelitten und werden leiden, haben errungen, und werden erringen, das ist das Loos aller Jahrhunderte, so wollen wir Ende und Anfang bedenken und feiern, so wollen wir das Jobeljahr begrüßen mit Jobelpredigen, die Jobelstunde füllen mit Jobelworten, auch das ist eine Freiheit und Heiligung. _ In der heutigen Sidra wird die Bestimmung des Hauses Israel folgendermaßen angegeben: (5 B- M. 7, 6.) „denn ein Volk geheiligt dem Ewigen Deinem Gotte bist du, dich hat der Ewige dein Gott erwählet, ihm zum eigenthümlichen Volke zu sein von allen Völkern, welche auf der Oberfläche der Erde." Von jeher hat Israel an dieser Bestimmung, an dem Glauben dieser Bestimmung festgehalten. Zwar in neuester Zeit sind manche Stimmen innerhalb und außerhalb Israels laut hiegegen geworden. Man hat es uns als Stolz, als Hochmut!) angerechnet, man hat es uns zum Vorwurf und Hinderniß gemacht. Allein steht es nicht hier im göttlichen Worte klar ausgesprochen? Ist es nicht wahr, daß die Offenbarung des einigen Gottes, daß die Erkenntniß und Lehre des einigen Gottes zu Israel gekommen? Ist es nicht wahr, daß die Religionen, welche die Welt beherrschen, aus Israel geflossen, ihre Grundlage, ihren Stoff, ja ihre Form aus Israel entlehnt? Ist es nicht wahr, daß Israel diesen einigen Gott in der Reinheit und Lauterkeit des Begriffes noch immer allein bekennt? Ist es nicht wahr, daß Israel Jahrhunderte der Schmach, der Verfolgung um dieses Bekenntniß getragen? es mit seinem Blute, seiner Heimath, seiner Ehre besiegelt hat bis auf den heutigen Tag? Ist es nicht wahr, daß Israel auf den Trümmern untergegangener Völker und Welten allein noch bestehet, allein noch aus einer Welk von vier Jahrtausenden bis in die. heutige hineinragt? Nehmet also Alles Israel, dieses müßt ihr ihm lassen, und so gern ihr es wollet, die Thatsachen, die Wahrheit der Geschichte spricht laut, spricht mit nicht zu unterdrückender Stimme dafür. Es ist nicht Stolz, nicht Hochmuth, es ist eine mit unendlichen Leiden bezahlte Wahrheit,