Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 4 (1840)
- Issue
- Heft 4 (25.1.1840)
- Date
- 1840-01-25
- Page
- Seite 50 (sequence 6)
- Language
- German
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50 ten offen steht, ist die medizinische und chirurgische, und wirklich haben sich in diesem Gebiete Mehre ausgezeichnet. Ein junger, hoffnungsvoller Mann verdient hier mit Recht zuerst genannt zu werden, vr. David Gruby, anerkannter Maßen einer der ersten Anatomen in der österreichischen Monarchie, welchen Wiener Blätter bei Gelegenheit der Ankündigung seines Werkes über mikroskopische Anatomie eine Zierde der Wissenschaft und der Menschheit nennen. Er ist jetzt eben im Begriffe nach Paris zu gehen, um seine Forschungen fortzusetzen, und um seinem Talente einen angemessenen Wirkungskreis zu gewinnen. Daselbst lebt auch seit zwei Jahren Dr. Ludwig Mandel aus Pesth, von dem ebenfalls Untersuchungen über die mikroskopische Anatomie in französischer Sprache erscheinen. Auch finden sich in allen Theisen des Königreichs Doctoren der Medizin und Chirurgie und Wundärzte, welche sich eben so sehr des Vertrauens ihrer christlichen, wie ihrer jüdischen Patienten erfreuen. Ich nenne nur den Nestor der jüdischen Aerzte Ungarns Herrn vr. Jacobowicz, ersten Arzt am israelitischen Spirale in Pesth, die Doctoren David Schwimmer und Eduard Oesterreicher, die beide als Augenärzte einen wohlbegründeten Ruf haben.^ Letzterer hat vor zwei Jahren in Pesth ein Institut für Augenkranke gegründet, in welchem bereits mehren Unglücklichen ihr Augenlicht wieder gegeben worden. Die Patienten, welche gegen mäßiges Honorar in dieses Institut ausgenommen werden, stehen ganz unter Aufsicht des Arztes, und Herr vr. Oesterreicher hat das Institut auf's Bequemste eingerichtet. In anderer Beziehung üben die jüdischen Aerzte in Ungarn auf den geistigen und moralischen Fortschritt ihrer Glaubensbrüder einen sehr wohlthäkigen Einfluß aus, indem sie sich der jüdischen Lehranstalten annehmen, und dieselben mit aller Kraft zu verbessern streben. Dabei kommt Manchen ihre gründliche Kenntniß der hebräischen Sprache und Literatur sehr wohl zu Statten, wie dies z.B.bei den Doctoren Hauser in Altofen, Bernheim in Preßburg, Feitel in Körmend der'Fall ist. Ich kann aber nicht umhin bei dieser Gelegenheit auf einen, in ganz Ungarn herrschenden, Uebelstand aufmerksam zu machen. Es ist dies die gänzliche Vernachlässigung der hebräischen Sprache und alles jüdisch Wissenschaftlichen überhaupt, welche sich Alle zu Schulden kommen lassen, die das Gymnasium betreten. Zwar ist in Ungarn, wie in allen Theilen des österreichischen Kaiserstaates für alle "Gymnasiasten mit Einschluß der beiden philosophischen Jahrgänge die Religionslehre dem Studicnplane gemäß vorgeschricben, aber dieser Unterrichtszweig wird eMweder gar nicht, oder doch nur auf eine höchst dürftige Weise vorgetragen. In Pesth ist für den eigentlichen Religionsunterricht noch einigermaßen gesorgt; aber der noch wichtigere Unterricht in Bibel und Volksgeschichte geht ganz leer aus. Noch schlimmer steht es anderswo. Es ist in der allerneuesten Zeit in einer Gemeinde, an deren Spitze ein sehr orthodoxer, jüngst verstorbener Rabbine stand, vorgekommen, daß ein Quartaner nicht einmal hebräisch lesen, und viele Gymnasialschüler kaum zwei Verse im Pentateuch ohne Fehler übersetzen konnten. Unter solchen Umständen ist cs gar nicht zu verwundern, daß so viele jüdische Scudirende in Ungarn mit Allem, was das Judenthum betrifft, nicht mehr vertraut sind, als das gemeine Volk, und daher für jüdisches Interesse so wenig Sympathie haben. Es wäre freilich zunächst Sache der Rabbinen, diesem Uebclstande abzuhelfen, durch welchen gerade die besten, edelsten Kräfte dem Judenthume entfremdet werden; da aber gegenwärtig die Rabbinen nicht geeignet sind, Gymnasialschüler zu unterrichten, und denselben Achtung einzuflößcn, so sollten die Gemeinden für Anstellung ordentlicher Religionslehrer Sorge tragen. Ich kann nun die wissenschaftlichen Verhältnisse der Israeliten in Ungarn nicht beschließen, ohne eines würdigen, vor nicht langer Zeit verstorbenen, Gelehrten zu erwähnen. Moses Kunitzer, geb. 1776 in Altofen, war einer der ersten Talmudisten, welche sich den neuern Bestrebungen im Judenthume angeschlossen. Mit einer ungewöhnlichen Belesenheit im Talmud uno der rabbinischen Literatur verband er eine seltene Gewandheit und Eleganz im neuhebräischen Ausdrucke, wiewol sein Stil zuweilen etwas zu schwülstig wird. Er war der erste, der durch die Charakteristik eines Altrabbinen den neuern historischen Forschungen in diesem Gebiete die Bahn brach, und er ist in so ferne als Vorläufer eines Rappoporl, und Zunz zu betrachten. Sein gelungenstes Werk ist unstreitig das lai ira-, aber auch der “p? sein weitläufiger Commentar des Bedarschischen öbw ms^na), und f|“i2£72 liefern viele Beweise seines Fleißes und seiner Gelehrsamkeit. Im ^rrn p hat er zwar seine Gründlichkeit und sein kritisches Gefühl verläugnet; aber auch dieses Buch bleibt, schon der Zusammenstellung wegen, äußerst interessant und sehr brauchbar. Noch achtenswerther war Kunitzer als Mensch. Seine Herzensgüte und menschenfreundliche Gesinnung werden von Allen gerühmt, die ihn, in seinen jüngern Jahren als Kaufmann und späterhin als Rabbinen zu Ofen zu kennen Gelegenheit hatten. Nächst den wissenschaftlichen und artistischen Bestrebungen der Israeliten in Ungarn verdienen deren industrielle Verhältnisse hier eine Erwähnung. In dieser Beziehung steht die Araber Gemeinde oben an, in welcher die meisten jüdischen Handwerker in den verschiedenen Gewerbszweigen getroffen werden. Vereine für Gewcrbsthätigkeit bestehen, wie in diesen Blättern bereits erwähnt wurde, in Pesth, Altofen und Preßburg. In Altofen sind mehre Färbereien, unter denen die großartigste des Herrn Goldberger mit Auszeichnung genannt zu werden verdient. In neuester Zeit hat auch Herr I. L. Boskowitz in Pesth eine Färberei angelegt. Daß die Juden schon in früherer Zeit dem Lande durch ihre Unternehmungen nützlich zu sein strebten, geht aus folgender Erzählung Bel's hervor, worin er die von Juden unternommene Regulirung der Wagschiffahrt nach