Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1840-01-11 · Heft 2 (11.1.1840) · p. Seite 25

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
4 (1840)
Issue
Heft 2 (11.1.1840)
Date
1840-01-11
Page
Seite 25 (sequence 9)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/3224737-3225119-3225122--02430-3311908
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

L5 bringen, und auf immer war ihm diese Seligkeit versagt, denn sein geweihetes Haupt hatten die Barbaren durch grausame Verwundung geschändet und nie durfte ein Gemißhandelter wieder das Allerheiligste betreten. Ein einziges treues Wesen war ihm geblieben, Mariamne war bei ihm, das einzige Kind der Hingeschiedenen Tochter, die Verlobte des Hcrodes. Sie lag hingestreckt neben dem theurcn Großvater und legte die zarten Hände unter die Ringe der Kette, daß sie die morschen Glieder des Greises nicht drücken, sie unterstützte das theure Haupt, wenn es ermüdet auf die Brust sank, sie breitete den Schleier über den kahlen Scheitel und die Silbcrlocken, wenn der Westwind schneidend durch das Fenstergittcr drang; ihre sanften Worte beruhigten den alten Priester, wenn er in Klagen ausbrach, sie beschwichtigte seinen matten Zorn, der sich zuweilen in Verwünschungen seiner Feinde und seines Schicksals verkündete. Denn sie selbst, zwar zum Tode betrübt, fand sich in der Verlassenheit des Kerkers eher wieder als in den Prachtsälen zu Jerusalem. Jener Herodes, der durch seinen Einfluß auf Hyrkan, durch den Schimmer seiner Thaten, durch die Festigkeit seines Charakters den jugendlichen Sinn der Fürstin zu bestechen wußte und so dringend um ihre Hand warb, er hatte ihr Herz nicht gewonnen; ein unwiderstehliches Gefühl trieb sie von ihm zurück, wenn er noch so schmeichelnd zu ihr sprach, von heißer Liebe zu ihr begeistert schien und der wilde Ausbruch seiner Leidenschaft auch sie mit sortzureißen drohte. Er war der Mann nicht für Mariamne's stille Liebe. Oft bemeisterten sich ihrer bei seinem Anblick ahnungsvolle Schauer, sie wähnte den Geist ihres Vaters vor ihm stehend, sie sah in ihm den Unterdrücker ihres Volks, den, der die Größe ihres Hauses zertrümmerte. Jetzt war sie von der Gegenwart jenes Mannes befreit, sie fühlte sich im Thurme von Ekdixxon freier als auf dem Throne des gebeugten Judäa's, leise Wünsche stiegen in ihrem Herzen aus für das Glück ihres Ohms Antigonus, den sie nie gesehen und nur der Anblick des Elendes ihres Großvaters drängte diese Wünsche zurück, denn dieser Ohm war wieder der Urheber ihres jetzigen Unglücks. Am fernen Himmel glanzte der Abendstern, auf dunkeln Fittigen schwebte die Nacht hernieder, riesengroße Fichten aus Felsenriffen emporgewachsen, warfen ihre gigantischen Schatten in den Kerker. In Gedanken versunken stand Mariamne am Fenster und sah in die bodenlosen Tiefen der Abgründe, an welchen das Schloß gebaut war. Schwere Träume beängstigten den greisen Priester. Es war ihm, als stände er am Hochaltar des Tempels, es wallte der Opferdampf auf vom Rauchwerk, hinter ihm lag das Volk auf den Knieen, aus der. Höhe erscholl das dreimal Heilig, da durchdrang die Tempelräume eine dichtgedrängte Masse Krieger, ihre langen Scywerdter blitzten über den Häuptern der Leviten und Aaroniden, lautes gellendes Geschrei ertönte aus dem Allerheiligsten, die Opferflamme erfaßte den Vorhang und verzehrte ihn, die Cherubim über der Lade schlugen mit ihren Flügeln, ein Sturm brauste und Erdbeben erschütterte den Hügel, auf dem der Tempel stand, seine Säulen wankten und die goldnen Knäufe fielen geschmolzen hernieder, Schwerdtergeklirr, Was» sengeräusch entweihten die heiligen Räume, Alles war in Aufruhr, Alles stand in Flammen und er selbst sank betäubt vom Schlage einer Streitaxt nieder. Da erwachte er — mit einem herzzerreißenden Schrei rief er Mariamne und lehnte sein Haupt an "ihre Brust, die an seinem Lager niederkniete, aber sie vermochte ihn nicht zu besänftigen. Er knirschte mit den Zähnen, mit heisrer gebrochener Stimme rief er den Namen Gottes, den er nur am heiligsten Tage der Versöhnung nennen durfte, ach dieser Ruf war ihr das Zeichen, daß der Wahnsinn sich des Greises völlig bemächtigt hatte. Nur zuweilen kamen noch lichte Augenblicke, in denen er sie bat, daß sie nicht von ihm weiche. „Verlaß den alten Hasmonäcr „nicht," rief er flehentlichst, „siehe der Enkel des „Matathias ist geschlagen, geschlagen wie Hiob, mein „einziges Kind!" Bald aber siel er wieder zurück. „Hast du den Tempel brennend gesehen, wie dieRö- „mer einzogen mit Jubelgeschrei, wie die Leviten den „Klagegesang über den Hohenpriester Hyrkan an- „stimmten, wie sic ihn forttrugen vom Allerheilig- „sten mit den zerrissenen Gliedern, wie sein Haupt „geschändet wurde von einem Hasmonäer, wehe, „wehe über Jerusalem, wehe über Judaa, wehe über „Hyrkanes und Herodes, über Antigonus und Pha- ,Lael!"!•

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.