Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 4 (1840)
- Issue
- Heft 1 (4.1.1840)
- Date
- 1840-01-04
- Page
- Seite 15 (sequence 15)
- Language
- German
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15 weint oder freuet sich mit seinen Brüdern an der Weichsel! Das ist die magnetische Wunderßraft, die einen gelösten Theil durchzuckt, wenn der Organismus schmerzlich oder freudig afficirt wird! Das ist der Gott Israels, der so laut und wunderbar durch zwei Jahrtausende aus der Geschichte dieses Volkes stricht! — gfw Was das literarische Moment betrifft/D steht dieses gewöhnlich im innigsten Zusammenhänge, im gegenseitigen Wechselverkehr mit dem politischen; und wir bemerken, welch freudigreges Geistesleben dort sich kundgibt, wo die äußere Stellung des Judenrhums der innern Entwickelung Vorschub leistet. — Die erste Grundlage jedoch dieser höher» geistigen Potenzen ist die Förderung des Gemeindewesens; ist der vollkommnere und entwickelte Zustand der Erziehungs- und Bildungsanstalten für die Jugend, wo die ersten Keime der Intelligenz gepflegt und bewahrt werden sollen. — In den öffentlichen Anstalten also muffen wir den Maßstab zur Beurtheilung der Kulturstufe einer Gemeinde suchen. Wie sieht es nun mit diesen bei der gewaltigen jüdischen Population in Lemberg aus? Ich habe bereits früher im Allgemeinen Einiges über diesen Gegenstand erwähnt. Das lemb. israel. Krankenhaus ist gewiß ein ausgezeichnetes Institut, gegründet und erhalten' durch Hochherzigkeit und Menschenliebe der Gemeinde, verwaltet und geleitet durch ehrenwerthe vortreffliche Männer, und mehr als 1200 Hülflose finden jährlich daselbst Pflege und Rettung. — Dieses Institut ist aber ein leibliches, und stehet daher außerhalb der Sphäre unserer Betrachtung. — Was soll ich aber von den der geistigen Pflege bestimmten Anstalten sagen? Ich muß erstens die Zahl herabstimmen, und statt von Anstalten bloß von einer einzigen sprechen, denn trotz aller Sorgfalt kann ich keine mehr auffinden. Don dieser aber will ich ein treues, innen und außen dem Originale entsprechendes Bild entwerfen. — Folget mir in den entlegensten Winkel einer entlegenen Vorstadt, und habt ihr durch ewige nie versiegende Kothmaffen euch durchgewühlt, dann blickt euch ein kahles, düsteres Gemäuer entgegen, dessen trübseliger Anblick deutlich verkündet: hier werden geistige Münzen und Formen des frühesten Mittelalters geprägt. — Diese finstere, enge, 2 Stockwerke hohe Ruine stellt zrns vor die uralte" jüdische Anstalt, die unter dem Namen Talmud Tora bekannt ist, in dem winzigsten Städtchen Galiziens nicht fehlt, und deren ursprüngliche edle Tendenz Erziehung und Unterricht armer Judenkinder bezweckte. — Betretet nun mit mir den innern Raum dieses Institutes; Schwelle und Eingang bilden keineswegs einen Damm gegen den Strom der Unreinlichkeit, der sie umfluthet. Vergebens sucht ihr in eines der Zimmer einzudringen, wo der eigentliche Unterricht statt findet; eine Masse älterer und jüngerer Knaben, halbnackt, von Ungemach und Hunger gebleicht, die zu jeder beliebigen Stunde kommen und gehen dürfen, versperren euch den Weg. Ihr macht euch dennoch Bahn, und betretet nun das innere Herligthum, dazu bestimmt, den Samen der Intelligenz für eine künftige Generation anzubauen. Am obern Ende eines langen Tisches erblickt ihr einen, in einem schmutzigen, zerrissenen Talare gehüllten Israeliten, die Pelzmütze auf dem Haupte, und ringsherum, an beiden Seiten des Tisches, eine Unzahl odbeschriebener Knaben, die in Unordnung und nach Willkühr um den Tisch kauern. -— Es ist dieser einer der Lehrer der Anstalt, der nun seinen Unterricht mit lautschallender Stimme beginnt, begleitet und gesteigert vom Chore einsallender Stimmen der jungen Zöglinge. Da nun jede Unterrichtsstube zugleich die Wohnstube mehrerer Lehrer der Anstalt abgibt, so wird das erquickliche Concert vom Kreischen und Winseln der Kinder, die in Wiegen, und auf dem von Dielen entblößten Fußboden sich Herumwalzen, verstärkt und gehoben. Am Heerde brennt ein lustiges Feuer, wo für die materiellen Bedürfnisse der geistigen Unterrichtsspender gesorgt wird, und an welchem das Kerfen und Zanken der Ehefrauen in das allgemeine Hallelujah einfallt! — Ihr erkundigt euch bei den verschiedenen Lehrern in den verschiedenen Abtheilungen, ob sie Moral, Sittenlehre, Schreiben, Rechnen, Geographie, Geschichte, oder andere zum künftigen Lebensbecufe unentbehrliche Gegenstände voctragen? Nichts von alldem, erhaltet ihr zur Antwort'! Ja selbst die Neligionslehre ist aus diesem Hause des Elends verbannt. ' Alles was hier von der untersten bis zur höchsten Klasse gelehrt wird, beschrankt sich auf das Lesen des Hebräischen, der todten Buchstaben nemlkch, einiger wenigen Kapitel des Pentateuch's, und in der höchsten Klasse wenige Abschnitte des Talmuds, wovon aber in den Köpfen der armen, hungernden Jungen nichts bleibt, als das trockne Ablesen ihnen unverständlicher Worte, deren sie sich durch ihr ganzes Leben bedienen, um die vorgeschriebenen Gebete wie Automaten mechanisch herzusagen, ohne von Sinn und Inhalte den kleinsten Begriff zu haben. Die meisten derselben werden ja auch im zartesten Kindesalter aus dieser Schute gejagt, um bei dem gewaltigen Andrange andern Kindern Platz zu machen, und treiben sich sodann in den öffentlichen Straßen herum, um als verwahrlostes Bettelvolk ihr Handwerk zu treiben; und wol ihnen, wenn dieses noch die einzige Aufgabe ihres Lebens bleibt! — Die hochherzige edle Bestimmung dieser Anstatt, die vor vielen Jahrhunderten gegründet gewiß den Anforderungen des edlen Gründers, und den Bedürfnissen der Zeit entsprach, und damals auch gewiß hinlänglich für die geringe Anzahl der Kinder ausreichte, wird nun beim hellen Schimmer des 19. Jahrhunderts in den Koth getreten, und nicht nur die jungen schwingsamen Seelen müssen in die Zwangsjacken der Vorzeit Hineinpassen, auch die räumlichen Verhältnisse dürfen aus ehrfurchtsvoller Scheu vor den Ansichten und Bestimmungen unserer